Berufsbildung in Forschung und Praxis
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«Interkontinentaler Dialog» im Bundeshaus dank Movetia

Digitale Transformation der Berufsbildung: Was kann die Schweiz von anderen Ländern lernen?

Künstliche Intelligenz (KI) und andere neue digitale Möglichkeiten verändern Berufsbilder und damit auch die Berufs- und Erwachsenenbildung. Wie geht die Schweiz, und wie gehen andere Länder mit dieser Herausforderung um? Auf Einladung der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung SGAB und der PH Zürich tauschten sieben Fachleute aus Asien, Afrika und Europa am 11. März 2026 im Bundeshaus ihre Erfahrungen mit einem Dutzend Schweizer Politikerinnen sowie Behörden- und Verbandsvertretern aus.


Wer im Schweizer Parlament sitzt, arbeitet weiterhin im Beruf. «Ich zum Beispiel als Dozentin an der PH Zürich», sagt Simona Brizzi, Nationalrätin und Co-Präsidentin der SGAB, die ihren Gästen im Bundeshaus das Schweizer Milizsystem erklärt. Einige der Technologie- und Bildungsfachleute aus Singapur, Südafrika, Vietnam, Hongkong und Deutschland finden diese enge Verzahnung von Politik und Berufsleben ziemlich speziell und bewundernswert. Sie sind sich von ihren Ländern gewohnt, dass Politik ein gut bezahlter Vollberuf ist, samt ansehnlichem Mitarbeiterstab und repräsentativem Büro.

Die Schweiz ist stolz auf ihr Milizparlament. Aber auch auf das Berufsbildungssystem. «Klar, wir haben eine Riesenerfahrung und sind erfolgreich», sagt Peter Kaeser, Direktor der WKS KV Bildung und Präsident der Dachkonferenz aller Berufsfachschulen der Schweiz: «Aber das heisst noch lange nicht, dass wir nicht auch von anderen Ländern lernen können.» Zumal jetzt KI und andere digitale Tools zu raschen Veränderungen führen. Das sei eine Herausforderung für das Schweizer Berufsbildungssystem, das auf Resilienz und Stabilität ausgerichtet sei, so Kaeser.

Erfahrungen aus neun Ländern

Bei der Suche nach Antworten die nationalen Gärtchen zu öffnen und in einen internationalen Austausch zu treten, dies ist das Ziel des SGAB-Projekts von Martin Berger, unterstützt von Movetia, der nationalen Agentur für Austausch und Mobilität. In einem Sabbatical besuchte der Dozent und Forscher der PH Zürich Institutionen und Expertinnen und Experten in neun Ländern, um von ihnen zu erfahren, welche Erfahrungen sie auf dem Weg in die digitale Zukunft der Berufs- und Erwachsenenbildung machen. Nun waren sieben von ihnen zum Gegenbesuch in der Schweiz (weitere mussten wegen des Krieges im Nahen Osten kurzfristig absagen oder sind unterwegs in die Schweiz gestrandet).

«Dialog und Austausch sind entscheidend, um die Weichen für eine zukunftsfähige Governance in der Berufs- und Erwachsenenbildung zu stellen.» Simona Brizzi, Nationalrätin, Co-Präsidentin SGAB

Jetzt sitzen die Gäste und Gastgebenden im Kommissionszimmer 3 des Bundeshauses und berichten, diskutieren, tauschen sich aus. Eingeladen sind auch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI), die Verbände von Arbeitgeberinnen und Arbeitnehmern, die Mitglieder der Kommissionen für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) der beiden Räte und der Parlamentarischen Gruppe Berufsbildung. «Dialog und Austausch sind entscheidend, um die Weichen für eine zukunftsfähige Governance in der Berufs- und Erwachsenenbildung zu stellen», erklärt Simona Brizzi, SGAB-Co-Präsidentin und SP-Nationalrätin aus dem Kanton Aargau.

Schweiz: Initiativen der Basis sind entscheidend

Aber auch die Gäste erhoffen sich einiges vom Besuch in der Schweiz, der auch eine Fachtagung der SGAB am Folgetag beinhaltet. Zum Beispiel Hoang Ngoc Nhung, Head des Department of Science and Technology an der Ho Chi Minh City University of Technology (HUTECH) in Vietnam: «Ich mache mir grosse Sorgen um unsere Studierenden. Mit unseren veralteten Programmen können wir sie nicht genügend gut vorbereiten auf den heutigen Arbeitsmarkt.» Doch Wille und Engagement seien gross, dies zu ändern – auch dank Ideen aus dem Austausch hier in der Schweiz.

Peter Kaeser kennt das Problem: «Im Bildungsplan für Kaufleute steht nichts zu KI.» Und das in einem Berufsfeld, das von den neuen KI-Tools sehr profitiert und gleichzeitig stark umgepflügt wird. Aber: «Das Thema ist trotzdem sehr präsent im Unterricht.» Die Stärke des bottom-up-Ansatzes in der Schweiz ist für Kaeser, «dass wir es trotzdem machen.»

Hongkong: Übergreifende Strategie

Ganz anders geht Hongkong vor, wie Professor Guandong Xu, Direktor der Abteilung Artificial Intelligence and Education Innovation der dortigen Education University, nach der Vorstellungsrunde im Rahmen eines «World Café» erklärt: Die Regierung habe top down eine übergreifende Strategie für KI-Kompetenz ausgearbeitet, die an allen Bildungseinrichtungen Infrastruktur und Projekte finanziert. Dabei orientiere man sich am KI-Kompetenzmodell der Unesco mit den drei Dimensionen technisches Grundverständnis, Anwendung und ethisch verantwortungsvoller Umgang. Bereits seien die Schülerinnen deutlich weniger oft im Klassenzimmer, sondern eigneten sich den Stoff selbständig an. Und wenn doch, sei der Unterricht auf sie massgeschneidert: «Die Lehrperson gibt das Profil der Klasse ins Tool ein, und die KI macht Vorschläge zur Gestaltung der Unterrichtssequenz – die Vorbereitungszeit hat sich für Lehrpersonen massiv verkürzt», so Xu.

Baden-Württemberg: Gemeinsam ausgearbeitete Strategie

In der Diskussionsgruppe nebenan gibt das Modell des deutschen Bundeslands Baden-Württemberg zu reden: Hier hätten die Seminare für Lehrkräfte und das Land erkannt, dass es eine übergreifende KI-Strategie brauche, so Jan Wischmann, Direktor des Seminars für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Weingarten. Diese werde jetzt gemeinsam erarbeitet – «aber ohne von Anfang an alle zu involvieren und uns so frühzeitig in Blockaden zu geraten» – und soll demnächst vorliegen.

«Sind 10 Prozent der Lehrpersonen dabei, ist der Kipppunkt erreicht und man kann eine ganze Schule bewegen.» Peter Kaeser, Direktor der WKS KV Bildung

Damit sei die KI-Strategie natürlich noch lange nicht umgesetzt. Auch hier wurden verschiedene Ansätze diskutiert. Soll von Lehrpersonen künftig ein bestimmtes KI-Kompetenzniveau verlangt werden, das sie erreichen müssen, um unterrichten zu dürfen? Oder soll man mit einer Handvoll motivierter Lehrpersonen in Pilotklassen starten und experimentieren, um dann die nächsten zwanzig ins Boot holen – am besten solche mit einem hohen Ansehen im Kollegium? «Sind zehn Prozent der Lehrpersonen dabei, ist der Kipppunkt erreicht und man kann eine ganze Schule bewegen», so die Erfahrung von Peter Kaeser. Und dies schneller, als wenn man versucht hätte, alle auf einmal zu erreichen. Ein Schweizer Erfolgsrezept? – «Genauso machen wir es auch», sagt von Toru Iiyoshi, Professor für Bildungstechnologien aus Kyoto, Japan.

Für Regina Regina Durrer-Knobel, Nationalrätin der Mitte aus dem Kanton Nidwalden, Prorektorin der Berufsfachschule Nidwalden, ist der Blick über die Grenzen anregend und befruchtend: «Alle stehen vor den gleichen Herausforderungen – und finden andere Lösungen dafür.»

«Bei uns geschieht Innovation ganz stark bottom up.» Dani Duttweiler, SBFI

Dani Duttweiler, Leiter Ressort Berufsbildungspolitik beim SBFI, ist mit zwei Fragen gekommen, die er immer wieder in die wechselnden Diskussionsrunden wirft: «Wie teilt ihr gute Praxisbeispiele»?» Und: «Gibt es ein Monitoring über Aktivitäten und Projekte?» Denn, wie er den ausländischen Gästen erklärt: «Bei uns geschieht Innovation ganz stark bottom up. Die Frage ist, was es braucht, damit möglichst viele Beteiligte von erfolgreichen Beispielen erfahren und daraus lernen können.»

Verbände in der Verantwortung

Markus Maurer, Professor an der PH Zürich, sieht in der Schweizer Berufsbildung insbesondere auch die Verbände in der Verantwortung: «Wir bilden für rund 250 Berufe aus. Überall läuft es anders und dementsprechend braucht es spezifische digitale Skills.»

«Solange das Berufsbildungssystem so arbeitsmarktnah bleibt wie heute, sind wir in einer sehr guten Position.» Nicole Meier, Schweizerischer Arbeitgeberverband

Nicole Meier, Ressortleiterin Bildung beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, meint denn auch: «Solange das Berufsbildungssystem so arbeitsmarktnah bleibt wie heute, sind wir in einer sehr guten Position.» Die neusten Erfahrungen und Anforderungen aus der Praxis fliessen alle fünf Jahre bei der Überarbeitung der Berufsbilder ein. Aber reicht das? «Die entsprechenden Verordnungen und Curricula sind in den letzten Jahren immer detaillierter geworden und haben immer filigranere Kompetenzen festgeschrieben», gibt Markus Maurer zu bedenken: «Entsprechend schnell veralten sie.»

Dani Duttweiler bringt die Frage so auf den Punkt: «Geht es um einen neuen Megatrend wie etwa Cleantech? Da entstand beispielsweise der neue Beruf Solarinstallateur EFZ aus einem Bedürfnis am Markt und es brauchte keine übergeordnete Steuerung. Aber was, wenn der Wandel diesmal viel schneller und tiefgreifender ist?»

«Die SGAB wird weiterhin Austauschplattformen bieten, damit die Schweizer Berufs- und Erwachsenenbildung einen für unser System passenden und sinnvollen Weg in die digitale Zukunft findet.» Martin Berger, Vizepräsident SGAB

Die Debatte ist lanciert, freut sich Martin Berger: «Ob aus Forschung oder Praxis, ob aus Hongkong oder Bern – wir haben einander sehr schnell verstanden und sind konkret geworden.» Und: «Die SGAB wird weiterhin Austauschplattformen bieten, damit die Schweizer Berufs- und Erwachsenenbildung einen für unser System passenden und sinnvollen Weg in die digitale Zukunft findet.»

Zitiervorschlag

Eugster, T. (2026). Digitale Transformation der Berufsbildung: Was kann die Schweiz von anderen Ländern lernen?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (5).

https://doi.org/10.64829/15224

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