Berufsbildung in Forschung und Praxis

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Anerkennung von Bildungsleistungen als Schlüssel zur beruflichen Weiterentwicklung und zur Bekämpfung des Fachkräftemangels

Ein alternativer Weg mit Potenzial

Ursula Renold, Thomas Bolli, Lena Dändliker & Ladina Rageth

In der Schweiz haben rund 370’000 erwerbstätige Personen keinen nachobligatorischen Abschluss – eine grosse Gruppe, die sich potenziell ihre erworbenen Kompetenzen über ein Anerkennungsverfahren bestätigen lassen könnte. Tatsächlich erlangen aber nur rund 5’600 Personen pro Jahr via Anerkennungsverfahren einen Abschluss der beruflichen Grundbildung. Die vorliegende Studie der Professur für Bildungssysteme der ETH Zürich zeigt, wie diese Quote im internationalen Vergleich einzuordnen ist. Und sie macht deutlich, dass die meisten dieser Verfahren dem Ziel der Dispensation dienen, während sogenannte Teil-/Vollzertifizierungen wenig verbreitet sind. Die Gründe dafür zeigen sich anhand von diversen Hindernissen, wie Informationsmangel, komplexe Verfahren, finanzielle Hindernisse und Koordinationsprobleme bei den Verbundpartnern.

Berufskundelehrpersonen und ihr professionelles Selbstverständnis

So jonglieren sich Berufskundelehrpersonen durch ihren Beruf

Daniel Degen

Wer berufskundlichen Unterricht erteilt, hat meist einen spannenden Berufsweg hinter sich. Diese Personen sind Berufsleute und Pädagoginnen zugleich. Und sie unterliegen heterogenen Rahmenbedingungen, wie sie für die Berufsbildung typisch sind. Die vorliegende Studie untersucht, wie Lehrkräfte damit umgehen. Am Beispiel von Berufskundelehrpersonen in der Ausbildung von Automatik-, Elektroinstallations- und Informatiklernenden zeigen sich drei typische Profile: Die Brückenbauer, die Instruktorinnen und die Entfalter. Die Studie formuliert eine Reihe von Empfehlungen; darunter das Postulat, dass eine Passung zwischen Lernzielen aus kompetenzorientierten Bildungsplänen und kompetenzorientierten Prüfungsmethoden geschaffen werden müsse.

Teacher Academies: So kommen Innovationen in der Berufsbildungspraxis an

Was Thomas Nüesch in Finnland lernte

Daniel Fleischmann

Einer der zentralen Treiber des Wohlstands in der Schweiz ist die Innovationsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft. Aber Innovationen brauchen Inspirationen – Gelegenheiten, die eigenen Routinen kritisch zu prüfen und neue Modelle kennenzulernen. Das gilt auch für die Berufsbildung. Diesem Ziel dienen internationale Mobilitäten, wie sie zum Beispiel das Schweizer Movetia Projekt SwissCoVE «innoVET» ermöglicht. Sie eröffnet auch für Lehrpersonen Gelegenheiten, andere Schulen kennenzulernen. «innoVET» wird diesen Sommer abgeschlossen.

Evaluation der Flexibilisierung der Informatikausbildung an der gibb Berufsfachschule Bern

Eine Schule erprobt den Unterricht der Zukunft

Martin Frieden, Georg Ninck, Thomas Jäggi, Thomas Staub & Lars Balzer

Vor fünf Jahren startete die gibb Berufsfachschule Bern das Programm «Informatikausbildung 4.0». In seinem Rahmen wurde die Möglichkeit geschaffen, die zeitliche Abfolge der Module individuell anzupassen. Angebote für das selbst-organisierte Lernen sowie eine Lern- und Prüfungsplattform ergänzen das Programm. Inzwischen sind diese Innovationen evaluiert worden. Ein Ergebnis: Die Flexibilisierung der Informatikausbildung nur mit unterschiedlichen Reihenfolgen der Kompetenzfelder ist nicht ausreichend, es ist weitere Individualisierung in der Ausbildung notwendig.

Forschungsprojekt der Universität Genf

Bestandesaufnahmen zum zweisprachigen Unterricht in der Schweiz

In der Schweiz boomt der zweisprachige Unterricht, vor allem auf der Sekundarstufe II. Dies zeigte das Schweizer Inventar des zweisprachigen Unterrichts 2022, das Daniel Elmiger, Universität Genf, in einem Beitrag in Transfer kommentierte. Dazu gehörte auch eine Online-Datenbank mit allen Lehrgängen. Nun sind im Rahmen des Forschungsprojekts zum zweisprachigen Unterricht in der Schweiz eine kritische Literaturübersicht und eine bibliografische Datenbank zu dem Thema erschienen (mit Projektbericht, einem Begleitband und einer Zusammenfassung). Die Dokumente finden sich auf der Website des Wissenschaftlichen Kompetenzzentrums für Mehrsprachigkeit der Universität Genf.

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EHB-Forschungsprojekt im Tessin

Wie hält man Pflegefachkräfte im Beruf?

Im Auftrag des Kantons Tessin untersuchte die EHB, was Pflegefachpersonen benötigen, um im Gesundheitsbereich zu bleiben und wie ehemalige Pflegende zurückgewonnen werden können. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, in psychosoziale Aspekte des Wohlbefindens und insbesondere in Massnahmen in vier Bereichen zu investieren:

  • berufliche Entwicklung und Weiterentwicklung des Personals
  • Sicherheit und Gesundheit
  • positive soziale Beziehungen
  • Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben

Investitionen im Bereich der Aus- und Weiterbildung lohnen sich in allen Phasen der beruflichen Laufbahn, z.B. bei der Ausbildung, der beruflichen Sozialisation, der Einarbeitung in neue Abteilungen nach einem organisatorischen Wechsel sowie bei Wiedereingliederungs- und Weiterbildungskursen.

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Studie des Leading House VPET-ECON

Personen mit Berufslehrabschluss im Aufwärtssog von Fachhochschulen

Mit der Gründung der Fachhochschulen (FH) Ende der 1990er-Jahre eröffneten sich für Personen mit einem Berufslehrabschluss neue Zugangsmöglichkeiten zur tertiären Bildung. Tobias Schultheiss, Curdin Pfister und Uschi Backes-Gellner (Leading House VPET-ECON) haben nun anhand von Stelleninseraten die Tätigkeiten von Personen mit und ohne Fachhochschulabschluss untersucht. Die Studie zeigt erstens, dass Fachhochschulabsolventinnen und -absolventen eine Aufwertung ihrer beruflichen Tätigkeiten erfahren, und zweitens, dass Befürchtungen einer Verschlechterung der Chancen für Berufsleute ohne FH-Abschluss («crowding out») unbegründet sind. Im Gegenteil, für letztere zeigt sich ein positiver Effekt: Auch die Tätigkeitsprofile der Absolventinnen von Berufslehren wurden im Durchschnitt aufgewertet. Sie werden vermehrt in Forschung und Entwicklung eingesetzt, es werden tatsächlich mehr Berufslehrabsolventen eingestellt und ihre Löhne sind im Durchschnitt gestiegen – alles Anzeichen dafür, dass Berufslehrabsolventen heute höherwertige Tätigkeiten übernehmen.

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Studie mit Beteiligung der Universität Bern

Kritische Überblicksstudie zu beruflichen Übergängen

Berufliche Übergänge werden im Laufe des Lebens immer häufiger. Die Forschung zu diesem Thema hat in den letzten Jahren stark zugenommen, aber sie ist über die verschiedenen Disziplinen hinweg fragmentiert und konzentriert sich in erster Linie auf spezifische, einmalige Übergänge (z.B. von der Schule in die Arbeitswelt, von der Arbeitslosigkeit in die Arbeitswelt, von der Arbeit in den Ruhestand). Um diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen, haben Jos Akkermans, Serge P. da Motta Veigab, Andreas Hirschi und Julian Marciniak (beide Universität Bern) 93 quantitative Längsschnittstudien analysiert und kritisch kommentiert. Die Autoren formulieren eine zukünftige Forschungsagenda in fünf Richtungen, indem sie die vorhandenen Studien in einen Rahmen der Selbstregulation von Berufsübergängen integrieren.

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Die Verteilung der Lehrverhältnisse in der dualen beruflichen Grundbildung

Eine Flotte aus Jollen und Barken, Kuttern und Tankern

Andreas Kuhn

Etwas mehr als die Hälfte aller Lehrverhältnisse konzentrieren sich auf die häufigsten zwölf Berufe (das sind gerade einmal 4,8% aller Lehrberufe). Das Berufsbildungssystem ist also alles andere als «normal verteilt». Der vorliegende Beitrag illustriert die höchst ungleiche Verteilung des Totals der Lehrverhältnisse über vier verschiedenen Dimensionen (Lehrberuf, Branche, Betrieb, sowie Region) anhand von aktuellen Populationsdaten. Diese Muster sind zwar bekannt, aber noch nie wurde das Ausmass der Ungleichverteilung so detailliert beschrieben.

Berufe mit einem hohen Sprachanteil besonders betroffen

ChatGPT führt zu weniger Suchanfragen nach freien Lehrstellen

Die Einführung von ChatGPT hat zu einem Rückgang der Suchanfragen auf berufsberatung.ch nach Lehrstellen im Umfang von 7,5% geführt. Besonders betroffen sind Berufe mit hohen sprachlichen Anforderungen (-15.1%; Fremdsprachen -16.0%), während Berufe mit hohen mathematischen Ansprüchen (-6.1%) sowie Berufe mit einem hohen Anteil an manuellen Tätigkeiten (-5.4%) weniger stark betroffen sind. Hinsichtlich des Anteils an Routine- bzw. Nicht-Routineaufgaben lassen sich keine Unterschiede feststellen. Dies ist das Hauptergebnis einer Studie der Universität Bern (Daniel Goller, Christian Gschwendt, Stefan C. Wolter). Wie weit der Rückgang der Suchanfragen nach einer Lehrstelle sich in Form von Verschiebungen am Lehrstellenmarkt manifestieren werde, werde sich allerdings erst in Zukunft zeigen, so die Autoren.

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Vergleichende Studie der Universität Zürich

Jugendliche in einer Lehre sind psychisch gleich gesund wie Studierende

Wer eine Lehre absolviert, ist psychisch gleich gesund wie Studierende an einer Hochschule. Im Detail: Studierende besitzen einen leicht höheren Selbstwert, eine geringfügig geringere Selbstwirksamkeit sowie mehr negative Affektivität und höheres Stressempfinden. Dies zeigt eine repräsentative Studie (2070 Studierende und 3755 Nicht-Studierende) von Kaspar Burger und Diego Strassmann Rocha, Universität Zürich. Ein weiteres Ergebnis: Eine positive Lebenseinstellung hat einen substanziellen positiven Effekt auf die Wahrscheinlichkeit, einen Hochschulabschluss zu erlangen.

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Bestandsaufnahme in der Schweizerischen Sekundarstufe II

Von der Digitalisierung zur digitalen Transformation

Philipp Gonon, Maria Luisa Schmitz, Dominik Petko & Tessa Consoli

Digitale Medien werden in den Schulen der Sekundarstufe II immer noch primär für passive Lernaktivitäten eingesetzt. Aktive, konstruktive und interaktive Lernformen sind eher eine Seltenheit, auch in Berufsfachschulen, in denen digitale Technologien mittlerweile intensiver eingesetzt werden als in anderen Schultypen. Das ist das Hauptergebnis der Studie DigiTraS II («Digitale Transformation der Sekundarstufe II»); Fallstudien geben Aufschluss, warum das so sein könnte.

Eine qualitative Analyse des neuen Lehrplans für die kaufmännischen Berufsfachschulen

Was lernen zukünftige Kaufleute?

Seit einigen Monaten werden angehende Kaufleute nach handlungskompetenzorientierten Lehrplänen unterrichtet – die tradierten Fächer sind aufgelöst. Welches diese Handlungskompetenzen sind, haben Nicole Ackermann und Simone Heinecke (beide PH Zürich) untersucht. Sie identifizieren berufsbildende und allgemeinbildende Lerngegenstände und systematisieren diese entlang einer inhaltsbezogenen (domänenspezifisch und domänenübergreifend) und prozessbezogenen (kognitiv und nicht-kognitiv) Dimension. Die Ergebnisse geben Orientierung über die didaktische Komposition des Lehrplans und der curricularen Handlungskompetenzen. Schliesslich leiten die Autorinnen auch Implikationen für den Berufsfachschulunterricht und die Bildung von Lehrkräften in der kaufmännischen Domäne ab. Der Beitrag ist im Rahmen einer Spezialausgabe von bwp@ erschienen.

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Studie der Universität Zürich

Was Frauen und Männer bei der Studienwahl unterscheidet

Welche Merkmale sind es, die geschlechtsspezifische Präferenzen bei der Studienfachwahl prägen? Dieser Frage geht ein in die Studie TREE integriertes Experiment mit zwei künstlichen Fächern ein. Die Ergebnisse zeigen die grössten geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Präferenzen für Merkmale, die sich auf den Denkstil (abstrakt versus kreativ) und die Affinität zu Arbeitsaufgaben (technisch versus sozial) beziehen, und geringere Unterschiede bei der Mathematikintensität, dem Wettbewerbsklima und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gibt es bei den Präferenzen für materialistische Merkmale (Gehalt und Prestige).

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VET respository des deutschen BIBB

Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung in der beruflichen Bildung

Wie entwickeln sich Identität und Persönlichkeit in der beruflichen Bildung? Zu dieser Frage hat das deutsche Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB, VET Repository) eine sehr beachtenswerte Bibliographie zusammengestellt, in der sich auch einige Beiträge aus Transfer befinden. Das VET Repository ist der zentrale Publikationsserver für Berufsbildungsliteratur und unter www.vet-repository.info kostenfrei recherchierbar. Die Einführung zur Auswahlbibliografie hat Christiane Thole verfasst, die mit ihrer Dissertation zum Thema u.a. den Friedrich-Edding-Preis gewonnen hat.

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Handreichung für Lehrpersonen

Förderung der demokratischen Kompetenz

Dem Lernort Berufsfachschule kommt im Rahmen des allgemeinbildenden Unterrichts auch die Aufgabe der politische Bildung zu. Das Institut für Wirtschaftspädagogik (IWP) der Universität St.Gallen hat nun zusammen mit weiteren Organisationen Handreichung für Lehrpersonen publiziert, die den Titel trägt: «Wirtschaft & Politik aktuell» – Förderung der demokratischen Kompetenz. Sie enthält 32 methodisch-didaktische Impulse und 16 Auftragsideen für die (wirtschafts-)politische Bildung in der Volksschule und der Sekundarstufe II.

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Studie der Universität Bern

WorldSkills-Medaillengewinne machen Berufe populärer

Medaillengewinne an Berufsweltmeisterschaften (WorldSkills) beeinflussen die Berufswahlentscheide von Jugendlichen, wie die vorliegende Studie zeigt. Eine Goldmedaille führe dazu, dass die Suchanfragen für den entsprechenden Beruf auf berufsberatung.ch um durchschnittlich 7% zunehmen und die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge um 2,5% steigt. (Quelle: Panorama)

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Dieter Euler

Berufswahl: Wenn die Wünsche nicht zu den Möglichkeiten passen

Dieter Euler

Immer mehr Jugendliche machen erst mal ein Zwischenjahr, bevor sie in eine Lehre eintreten, und zwar unabhängig von konjunkturellen Schwankungen. Im Jahr 2000 waren dies 12.4% aller Lernenden im ersten Jahr einer Lehre, 2018 14,9%, und laut BFS-Prognosen dürften es 2029 15,6% sein. Was ist hier los? In seiner jüngsten Kolumne fragt Dieter Euler nach den Gründen und erörtert Lösungsmöglichkeiten. Aber er warnt: Nach Einschätzung der befragten Jugendlichen ist der Einfluss der Schule und eines guten Berufswahlunterrichts gegenüber dem von Eltern, Freunden und digitalen Medien auf den Berufswahlprozess recht gering.