Interview zum Bildungsbericht Schweiz 2026 mit Samuel Lüthi
Licht und Schatten in der Berufsbildung
Die schulischen Leistungen vieler Jugendlicher, die in eine Lehre eintreten, sind stark gesunken. Innerhalb von zehn Jahren vollzog sich in den Bereichen Schulsprache und Mathematik ein Kompetenzabfall von einem ganzen Schuljahr. Dies ist eine Hauptaussage des jüngsten Bildungsberichts der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung SKBF|CSRE. Gegenüber dem vorangegangenen Bildungsbericht gibt es aber auch positive Meldungen: So ist der Terrainverlust gegenüber der Allgemeinbildung gestoppt.
Interview: Daniel Fleischmann
Samuel Lüthi, der letzte Bildungsbericht vor drei Jahren sah die berufliche Grundbildung in der Defensive. Setzte sich der Trend in Richtung Allgemeinbildung fort?
Das BFS geht für die nächsten zehn Jahre von einer relativ stabilen Entwicklung bei der Ausbildungswahl aus.
Nein. Zwischen 2012 und 2022 gab es diesen Trend in Richtung Allgemeinbildung, immer weniger Personen wählten eine Berufslehre. 2023 aber sind anteilsmässig wieder mehr Jugendliche in eine Lehre eingetreten, nämlich 65.7% gegenüber 65,1% im Jahr 2022. Unklar ist jedoch, ob das ein Ausnahmejahr war oder ob sich der positive Trend fortsetzen wird. Das BFS jedenfalls geht für die nächsten zehn Jahre von einer relativ stabilen Entwicklung bei der Ausbildungswahl aus.
Auch die Zahl der Lehrbetriebe hat gelitten. 2012 betrug sie 66000, 2021 noch 59000. Dabei ist die Ausbildung von Lernenden doch für die meisten Betriebe rentabel.

Samuel Lüthi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF).
Genau, in den letzten zehn Jahren haben mehr als 6000 Lehrbetriebe aufgehört, Lernende auszubilden, jeder zehnte Lehrbetrieb etwa. Der Hauptgrund ist die Demografie: Im letzten Jahrzehnt sind die Jahrgänge aus der obligatorischen Schule stetig kleiner geworden. Seit dem Jahr 2023 wachsen sie jedoch wieder. Ob die Firmen dadurch zurückkehren, muss sich noch weisen. Aber an den Kosten kann der Rückgang in der Tat nicht liegen: Gemäss neusten Berechnungen der EHB rentiert sich die Ausbildung von Lernenden für 71% der Betriebe noch während der Lehre.
Gemäss Bildungsbericht ist zu befürchten, dass sich die Lehrstellensituation aus Sicht der Lernenden in den nächsten Jahren zunehmend anspannen werde. Warum?
Weil die Jahrgänge nun wachsen und es weniger Lehrbetriebe gibt. Laut Prognosen des BFS nimmt die Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger zwischen 2024 und 2033 um 8% zu. Wenn nun noch eine Wirtschaftskrise hinzukommt, wird sich die Situation weiter verschärfen. Der Bundesrat hat darum schon 2022 einen Bericht über den «Erhalt und Schaffung von Lehrstellen» verfasst. Gewisse Kantone haben ihrerseits mit Konzepten reagiert. Die Situation ist aber je nach Lehrberuf unterschiedlich. In bestimmten, weniger beliebten Berufen werden die Lehrbetriebe weiterhin Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen. Für diese Betriebe ist der demografische Wandel eine gute Nachricht.
Laut Pisa sind die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den letzten zehn Jahren in Schulsprache und Mathematik stark gesunken. Gefährdet das die Ausbildungsbereitschaft?
Diese Entwicklung ist wirklich beunruhigend und könnte in der Tat gewisse Betriebe dazu bewegen, keine Lernenden mehr auszubilden.
Diese Entwicklung ist wirklich beunruhigend und könnte in der Tat gewisse Betriebe dazu bewegen, keine Lernenden mehr auszubilden. Dass die PISA-Kompetenzen generell abgenommen haben, ist bekannt. Im Bildungsbericht zeigen wir nun aber, dass diese Abnahme grösstenteils zulasten der Berufsbildung geht, hier vor allem die drei- und zweijährigen Lehren. Die Schülerinnen und Schüler in den Gymnasien hingegen konnten ihr Kompetenzniveau halten.
Trug das auch dazu bei, dass die Quote von Jugendlichen, die bis 25 eine nachobligatorische Ausbildung erreichen, wieder etwas gesunken ist (auf 90,1%) – deutlich unter dem bildungspolitischen Ziel von 95%.
Das könnte tatsächlich sein. Der Leistungsrückgang in den drei- und zweijährigen Lehren in Sprache und Rechnen beträgt durchschnittlich 40 PISA-Punkte; laut OECD entspricht dies einem Verlust eines ganzen Schuljahres! Gleichzeitig sind die Anforderungen der beruflichen Grundbildung gleichgeblieben. Immerhin schliessen in der Schweiz im OECD-Vergleich noch immer sehr viele Jugendliche eine nachobligatorische Ausbildung ab.
Erstaunlich ist, dass Kantone mit einem hohen Anteil an berufsbildenden Abschlüssen höhere Abschlussquoten erreichen.
Das stimmt. Je höher der kantonale Anteil Jugendlicher in einer Lehre, je geringer also der Anteil in der Allgemeinbildung, desto mehr erreichen bis 25 einen Sek-II-Abschluss. Dies zeigt, wie wichtig ein niederschwelliges, aber gutes Bildungsangebot ist. Solche Abschlüsse senken das Risiko der Arbeitslosigkeit erheblich und erhöhen das Einkommen.
Die berufliche Bildung gilt als ein Ort der «zweiten Chance»: Hier können Jugendliche, die keine gute Schulzeit hatten, doch noch erfolgreich sein. Stimmt das Bild?
Ja und nein. Ja, weil wir insbesondere bei der dualen Berufsbildung sehen, dass sich Jugendliche, die wenig motiviert sind, weiter in die Schule zu gehen, in der Lehre gut entwickeln. Auch Personen aus separativen Klassen machen – wenn überhaupt – meist eine Berufsbildung, kaum je eine Allgemeinbildung. Nein, weil die Berufsbildung weit mehr als ein Ort der zweiten Chance ist. Auch viele talentierte Jugendliche mit guten kognitiven Fähigkeiten wählen sie, oft in attraktiven Lehrberufen wie Zeichnerin, Laborant oder Informatikerin. Solche anspruchsvollen Lehrberufe mit guter Reputation sind äusserst wichtig für das gesamte Berufsbildungssystem.
Die «berufliche Orientierung» ist seit 2016 verpflichtender Schulstoff. Wie gut steht es um die Umsetzung?
Wir sehen, dass Lehrpersonen einen erheblichen Einfluss auf den Ausbildungserfolg haben.
Dazu haben wir keine Daten. Wir sehen aber, dass Lehrpersonen einen erheblichen Einfluss auf den Ausbildungserfolg haben. So kommt es bei Lernenden, die sich von ihren Lehrpersonen bei der Berufswahl gut unterstützt fühlen, seltener zu nicht-linearen Bildungsverläufen. Einen solchen Effekt sehen wir nicht bei Lernenden, die sagen, dass sie vor allem von Eltern, Freunden oder der Berufsberatung unterstützt wurden.
Noch immer prägt die sozioökonomische Herkunft der Jugendlichen die Ausbildungswahl, so der Bildungsbericht. Was ist damit gemeint?
Bei gleichen schulischen Leistungen wählen Jugendliche, deren Eltern über eine tertiäre Bildung verfügen, bekanntlich häufiger das Gymnasium als eine berufliche Grundbildung. Aber auch innerhalb der Berufsbildung gibt es solche Unterschiede. So wählen Jugendliche mit privilegierter Herkunft anspruchsvollere Berufe mit besseren Perspektiven. Ausschlaggebend dafür ist das Anforderungsniveau der Sekundarstufe I: Jugendliche aus einem bildungsnahen Elternhaus werden – wie gesagt bei gleichen Leistungen – öfter in die höheren Niveaus eingeteilt, was ihre Chance auf eine anspruchsvolle Lehrstelle steigert. Diese Einteilung bildet, neben den Zeugnissen, ein wichtiges Signal für die Arbeitgeber.
Aus dieser Perspektiven verletzen die segregierten Bildungszüge die Chancengerechtigkeit.
Ja, wenn die Zuteilung zur Sekundarstufe I nicht anhand der Kompetenzen erfolgt.
Können Sie skizzieren, warum sich berufliche Bildung lohnt?
Gemäss unseren Schätzungen beträgt die Bildungsrendite eines Lehrabschlusses pro Lehrjahr etwa 4%. Wer also eine dreijährige Lehre absolviert, wird im Durchschnitt sein ganzes Leben lang 12% mehr verdienen als eine ungelernte Person. Zudem sind sie zwei- bis dreimal seltener erwerbslos. Die Renditen der Höheren Berufsbildung liegen mit 6% pro Studienjahr noch höher und sind damit mit den Hochschulen vergleichbar. Dazu kommen weitere positive Effekte, etwa auf die Gesundheit.
Bleiben wir bei der Höheren Berufsbildung. Der Bildungsbericht 2018 hielt fest, dass sie von der Dynamik der Tertiarisierung nicht im gleichen Mass profitiert habe wie die Hochschulen. Setzt sich dieser Trend fort?
Es profitieren also die höheren Fachschulen und die Hochschulen vom Trend der Tertiärisierung.
Darauf muss ich differenziert antworten, weil die höhere Berufsbildung mehrere Bildungsformate umfasst. Bei den höheren Fachschulen sehen wir ein stetiges Wachstum: Zwischen 2014 und 2024 ist die Zahl der Abschlüsse um 30% gestiegen. Demgegenüber stagnieren die eidgenössischen Prüfungen, also die Berufsprüfungen und die höheren Fachprüfungen (beide +8%). Es profitieren also die höheren Fachschulen und die Hochschulen vom Trend der Tertiärisierung. Insgesamt bleibt die höhere Berufsbildung aber ein gut etablierter Bildungsbereich: 2024 erlangten hier 28’977 Personen einen Abschluss, die Hochschulen (Universitäten, FH, und PH) meldeten 36’785 Erstabschlüsse.
Der Bildungsbericht beschreibt die Anbieterstruktur der Höheren Berufsbildung als fragmentiert. Was ist damit gemeint?
Rund 40% der höheren Fachschulen bieten nur einen Bildungsgang an und nur bei 11% sind es mehr als fünf Bildungsgänge. Ebenso liegt die Zahl der Anbieter von eidgenössischen Prüfungen bei über Tausend. Die Anbieter von Vorbereitungskursen zu den Berufsprüfungen haben im Durchschnitt 25 Abschlüsse pro Jahr, die Anbieter von höheren Fachprüfungen sogar nur acht. Diese Fragmentierung ist dann sinnvoll, wenn sie den Zugang zu den entsprechenden Bildungsinstitutionen in der ganzen Schweiz gewährleistet und regionalen Besonderheiten Rechnung getragen wird. Aber sie dürfte nicht unbedingt hilfreich sein bezüglich Marketing, Professionalisierung oder Transparenz.
Bildungsbericht 2026
Der Bildungsbericht Schweiz 2026 wird von der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) im Auftrag von EDK und SBFI erstellt. Er fasst Daten aus Statistik, Forschung und Verwaltung zum gesamten Bildungssystem zusammen – von der Vorschule bis zur Weiterbildung – und analysiert Leistungen anhand von Effektivität, Effizienz und Chancengerechtigkeit.
Am Bildungsbericht 2026 haben unter der Leitung von Stefan C. Wolter sieben wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gearbeitet. Das vorliegende Interview legt den Fokus auf die berufliche Grundbildung und die Höhere Berufsbildung. Für diese Kapitel ist Samuel Lüthi, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF), zuständig.
Der Bildungsbericht kostet CHF 60; er liegt in Deutsch, Französisch und Italienisch vor und kann hier bestellt werden. Der Download einer pdf-Version ist kostenlos; diese existiert auch in englischer Sprache.
Zitiervorschlag
Fleischmann, D. (2026). Licht und Schatten in der Berufsbildung. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (5).
