Interview zum Bildungsbericht Schweiz 2026
Die Höhere Berufsbildung ist in der Defensive
Man kann auch ohne gymnasiale oder berufliche Maturität Karriere machen – dank der Höheren Berufsbildung. Aber diese Bildungsstufe profitiert nur teilweise davon, dass sich immer mehr Leute weiterbilden. Während die Höheren Fachschulen wachsende Teilnehmerzahlen verzeichnen, stagnieren die Berufs- und höheren Fachprüfungen. Ein möglicher Grund: Die starke Fragmentierung des Systems.

Stefan C. Wolter ist Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) und Titularprofessor für Bildungsökonomie an der Universität Bern. Er ist zudem Projektleiter und Autor des Bildungsberichts Schweiz 2026.
Stefan Wolter, die Höhere Berufsbildung (HBB) stagniert. Warum?
Die Höhere Berufsbildung ist ein enorm wichtiger Teil des tertiären Bildungssystems, zu dem auch Fachhochschulen und Universitäten gehören. Hier zählte man 2024 29’000 Abschlüsse, das sind 44% aller Erstabschlüsse auf diesem Niveau. Aber wenn man die Entwicklung anschaut, sieht man in Teilbereichen eine Stagnation, weniger in absoluten Zahlen als im Vergleich mit den Hochschulen. Seit 2002 wuchsen deren Erstabschlüsse um mehr als 250%, die HBB legte nur um gut 50% zu. Innerhalb der HBB sieht man zudem, dass die Stagnation nur die Berufs- und höheren Fachprüfungen betrifft. Die Abschlüsse an den Höheren Fachschulen (HF) hingegen verzeichnen eine ähnlich positive Entwicklung wie jene an den Fachhochschulen (FH).
Um die Höheren Fachschulen kümmert sich die Politik. Warum nicht auch um die Berufs- und höheren Fachprüfungen?
Tatsächlich bezogen sich die meisten politischen Vorstösse in den letzten Jahren auf die Positionierung der Höheren Fachschulen und weniger auf die Höhere Berufsbildung insgesamt. Die Gründe dafür sind schwer eindeutig zu benennen. Ein möglicher Faktor ist die noch stärkere Fragmentierung bei den Berufs- und Fachprüfungen im Vergleich zu den HF. Diese zeigt sich nicht nur in der Vielzahl unterschiedlicher Abschlüsse und Anbieter, sondern auch im raschen Entstehen neuer und Verschwinden bestehender Abschlüsse.
Können Sie etwas konkreter werden?
Zurzeit gibt es rund 260 Berufsprüfungen und 160 höhere Fachprüfungen, für die es über 6000 beim Bund registrierte Kurse gibt. Pro Anbieter von Vorbereitungskursen zu den Berufsprüfungen zählen wir durchschnittlich 25 Absolventen, bei den Anbietern von höheren Fachprüfungen deren acht pro Jahr.
Sehr wenig also. Ist das ein Problem?
Die starke Fragmentierung der Höheren Berufsbildung kann die Effizienz der Ausbildungen beeinträchtigen und erschwert es, gegenüber Öffentlichkeit und Politik als geschlossener, starker Akteur aufzutreten.
Ja und nein. In Bezug auf die Dynamik, insbesondere bei den Berufs- und Fachprüfungen, ist diese Vielfalt durchaus positiv, da sie eine schnelle Anpassung an Veränderungen im Arbeitsmarkt ermöglicht. Problematisch wird es jedoch bei der Anbieterstruktur: Die starke Fragmentierung kann die Effizienz der Ausbildungen beeinträchtigen und erschwert es, gegenüber Öffentlichkeit und Politik als starker Akteur aufzutreten. Zahlreiche Organisationen der Arbeitswelt agieren für sich, statt dass die Höhere Berufsbildung als Ganzes sichtbar wird.
Eine zentrale Herausforderung der Höheren Berufsbildung ist auch die Konkurrenz durch Weiterbildungsangebote der Fachhochschulen – zumindest aus Sicht ihrer Vertreter. Können Sie das nachvollziehen?
Ja, das ist nachvollziehbar. Inhaltlich gibt es oft grosse Überschneidungen. Wettbewerb wäre grundsätzlich sinnvoll, doch in der Praxis fehlt oft die Differenzierung. Viele Arbeitgeber erkennen die Unterschiede zwischen den Abschlüssen nicht ausreichend. Dabei sind diese zentral: Bei Berufs- und Fachprüfungen definieren die Organisationen der Arbeitswelt die Inhalte, führen die Prüfungen durch und entscheiden über Bestehen oder Nichtbestehen. Entsprechend streng ist die Selektion, was sich auch in deutlich höheren Durchfallquoten zeigt, insbesondere bei den Fachprüfungen.
Wie lässt sich dieser Konflikt lösen?
Nicht durch Abgrenzung, sondern durch Aufklärung. Beide Bildungswege haben ihre Berechtigung. Entscheidend ist, dass Arbeitgeber, vor allem ihre HR-Abteilungen, verstehen, wofür die jeweiligen Abschlüsse stehen und wie sie zu bewerten sind.
Warum brauchen wir eine starke Höhere Berufsbildung?
Die Höhere Berufsbildung erfüllt neben den drei Hochschultypen (PH, FH, Universität/ETH) mehrere zentrale Funktionen. Erstens ermöglicht sie Personen ohne gymnasiale, Fach- oder Berufsmaturität den Zugang zu tertiären Bildungsabschlüssen. Damit schafft sie eine wichtige zusätzliche Durchlässigkeit im Bildungssystem, ohne die auch die berufliche Grundbildung an Wert verlieren würde. Zweitens eröffnet sie durch ihre klare Ausrichtung an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vielfältige Karrieremöglichkeiten für Absolvierende aller beruflichen Grundbildungen, unabhängig vom Anforderungsniveau der ursprünglichen Lehre. Ihr Einkommen liegt zwanzig Jahre nach Abschluss im Schnitt nur ein Viertel unter jenem von Hochschulabsolventen, bei kürzerer Ausbildungsdauer. Kurz gesagt: Die HBB verbindet Bildung und Arbeitsmarkt wie kaum ein anderer Bereich. Und genau das macht sie so wertvoll – auch für die Attraktivität der beruflichen Grundbildung insgesamt.
Dieses Interview erschien zuerst in TA-Bildung, Dossierthema Höhere Berufsbildung.
Zitiervorschlag
Fleischmann, D. (2026). Die Höhere Berufsbildung ist in der Defensive. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (6).
