ABU-Unterricht für Erwachsene
Ein erster Schritt in die berufliche Grundbildung
In der Schweiz besitzen 14 Prozent der Erwerbstätigen keinen nachobligatorischen Abschluss – auch wenn sie vielleicht über hohe berufliche Qualifikationen verfügen. Die Berufsfachschule Soziales-Gesundheit (ESSG) in Posieux bietet Personen ohne einen solchen Abschluss Kurse in Allgemeinbildung an; sie bilden einen ersten Schritt auf dem Weg zum Fähigkeitszeugnis oder einem Attest. Seit einem Jahr gibt es diese Kurse auch in deutscher Sprache.
Nachdem die Kurse bisher nur auf Französisch geführt wurden, hat das Amt für Berufsbildung 2023 beschlossen, auch ein deutschsprachiges Angebot zu entwickeln.
Seit 2019 bietet die Berufsfachschule Soziales-Gesundheit (ESSG) in Posieux (FR) allgemeinbildende Kurse (ABU) für Erwachsene an, die keinen Abschluss auf Sekundarstufe II besitzen und die eine berufliche Grundbildung (in der Regel EFZ) beginnen möchten. Die 9-monatige Ausbildung findet einmal in der Woche statt. Nachdem die Kurse bisher nur auf Französisch geführt wurden, hat das Amt für Berufsbildung 2023 beschlossen, auch ein deutschsprachiges Angebot zu entwickeln. Die ersten deutschsprachigen Teilnehmenden haben im Frühjahr 2024 ihre Ausbildung abgeschlossen. Im aktuellen Schuljahr nehmen elf Personen teil.
Mehr Berufs- und Lebenserfahrung
Was unterscheidet die ABU-Teilnehmenden von den anderen Schülerinnen und Schülern der ESSG? Erstens das Alter und die Lebensphase: Das Durchschnittsalter in dieser Klasse ist mit 36 Jahren mehr als doppelt so hoch als das der anderen Klassen; die Teilnehmenden stehen mitten im Leben und haben teilweise eine Familie. Zweitens die Berufserfahrung: Die ABU-Teilnehmenden stehen nicht am Anfang ihrer Karriere, sondern arbeiten zum Beispiel schon seit Jahren als Hilfskräfte in einem Spital, einem Pflegeheim oder in Betrieben anderer Berufsfelder. Das ist ein Vorteil: Dank ihrer Berufs- und Lebenserfahrung sind die ABU-Teilnehmenden besser als jüngere Personen in der Lage, die Theorie mit der Praxis zu verknüpfen.
Eine klare Erhöhung der Karrierechancen
Dass es den Teilnehmenden ernst ist, zeigt die Tatsache, dass sie für die Kosten der Ausbildung weitgehend selber aufkommen.
Die Ausbildung ermöglicht den Absolventinnen und Absolventen einen Weg in die formale berufliche Bildung, der ihnen bisher, wegen Schwierigkeiten in der Schule oder aufgrund ihrer Migrationsgeschichte, verwehrt blieb. Dank der ABU-Abendkurse – sie finden jeweils von 17.30 bis 21.00 Uhr statt – ist es ihnen möglich, ihre zukünftigen Karrierechancen zu erhöhen, ohne dass das Gleichgewicht zwischen Beruf und Privatleben durcheinandergerät. Zudem können sich die Teilnehmenden mit dem Besuch eines regelmässig stattfindenden Unterrichts wieder mit dem Thema Lernen vertraut machen – sie testen, ob ihr Schwung für einen längeren Zeitraum ausreicht. Dass es ihnen ernst ist, zeigt die Tatsache, dass sie für die Kosten der Ausbildung weitgehend selber aufkommen; diese belaufen sich auf 710 Franken (plus 85 Franken für Lehrmittel).
In den Kursen werden Themen wie Arbeitsverträge, Versicherungen, Familienrecht, Wirtschaft, Nachhaltigkeit, Steuern oder Politik thematisiert. Inhaltlich ist es der gleiche Stoff, mit dem sich die regulären Lernenden der Gesundheitsberufe im Allgemeinbildungsunterricht auseinandersetzen, aber verdichtet auf neun Monate anstelle von drei Jahren. Dank dem erworbenen kantonalen Attest können sich die Absolventinnen und Absolventen dann beim Erwerb eines EFZ vom ABU dispensieren lassen. Das ist ein gutes Argument auf der Suche nach einer Lehrstelle; die Absolventinnen und Absolventen können sich dann noch besser auf die Spezifitäten ihres Berufes fokussieren.
Ein Angebot mit Zukunft
Auf Französisch gibt es jedes Jahr genügend Teilnehmende, um zwei Klassen mit je 16 bis 18 Personen zu füllen. Mehr als 20 sollten es für diese spezifische Ausbildung nicht sein. Die meisten Teilnehmenden haben einen Migrationshintergrund; für sie ist Französisch bzw. Deutsch keine Erstsprache. Nach Auskunft der Lehrpersonen dürften in den vergangenen Jahren rund 75 Prozent der Teilnehmenden eine berufliche Grundbildung begonnen haben.
Auch mit dem deutschsprachigen Pilotprojekt des Schuljahrs 2023-2024 ist die Direktion der ESSG zufrieden. Zwar war die erste ABU-Klasse klein; dennoch haben mehrere Teilnehmerinnen den Kurs abgeschlossen und ein kantonales Attest erworben. Einige Kursabsolventinnen werden demnächst eine verkürzte Lehre als Fachfrau Gesundheit (FaGe) beginnen. Dies zeigt, dass die neue ABU-Ausbildung einem Bedürfnis entspricht.
Auch wenn die Ausbildung in Allgemeinbildung von der Berufsfachschule Soziales-Gesundheit angeboten wird, ist diese im Auftrag des Kantons organisiert. Das heisst, dass das Angebot auch Personen aus anderen Bereichen offensteht. Tatsächlich haben 70% der Absolventinnen und Absolventen der französischsprachigen Kurse eine Lehre in Bereichen wie Gesundheit, Soziales oder Logistik begonnen.
Bedingungen, Anmeldung und Struktur der Ausbildung
Ein Qualifikationsverfahren, das aus einer persönlichen Vertiefungsarbeit (VA) und einer schriftlichen Prüfung besteht, validiert die Ausbildung und führt zum Erhalt des kantonalen Attests für Allgemeinbildung.
Um in die ABU-Kurse einzusteigen, dürfen die Kandidatinnen und Kandidaten weder über einen nachobligatorischen Abschluss auf EFZ-Niveau noch über einen Lehrvertrag verfügen. Sie müssen im Kanton Freiburg wohnhaft sein oder von ihrem Wohnkanton die Erlaubnis erhalten haben, eine Ausbildung im Sinne von Art. 32 BBV im Kanton Freiburg zu absolvieren. Zudem müssen sie über gute Französisch- respektive Deutschkenntnisse (mündlich und schriftlich) verfügen, die dem B1 Niveau entsprechen.
Ein Qualifikationsverfahren, das aus einer persönlichen Vertiefungsarbeit (VA) und einer schriftlichen Prüfung besteht, validiert die Ausbildung und führt zum Erhalt des kantonalen Attests für Allgemeinbildung. Anmeldungen für das Schuljahr 2025-2026 sind ab Frühjahr 2025 möglich.
Weitere Informationen sind auf der Website der ESSG zu finden.
Zitiervorschlag
Etienne, A., & Januth, R. (2025). Ein erster Schritt in die berufliche Grundbildung. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 10(3).