Erfahrungen aus der «Tour de Suisse» 2025 der Table Ronde Berufsbildender Schulen
Vier Schulen – vier Wege der Handlungskompetenzorientierung
Die Umsetzung der Handlungskompetenzorientierung (HKO) in den Berufsfachschulen erfolgt auf erstaunlich unterschiedliche Weise. Dies ist das zentrale Ergebnis der letztjährigen «Tour de Suisse», in deren Rahmen vier Berufsfachschulen Einblick in ihre pädagogische Praxis gaben. Die konkrete Umsetzung der HKO ist stark und ist durch die Rahmenbedingungen und pädagogisch-didaktischen Konzepte der Schulen geprägt. Das macht die einzelnen Modelle zur Inspirationsquelle und zu «Good Practices».
Einleitung
Die konkrete Umsetzung der Handlungskompetenzorientierung variiert stark und ist durch die Rahmenbedingungen und pädagogisch-didaktischen Konzepte der Schulen geprägt.
Die Handlungskompetenzorientierung (HKO) hat sich in der Schweizer Berufsbildung als zentraler Ansatz zur Förderung praxisnaher Lernprozesse etabliert. In der beruflichen Grundbildung sollen die Lernenden Handlungskompetenzen erwerben, «um berufliche Aufgaben und Tätigkeiten eigeninitiativ, zielorientiert, fachgerecht und flexibel auszuführen» (SBFI 2025). Die Bildungspläne geben dafür den Rahmen vor. Darin sind für die drei Lernorte Leistungsziele definiert. Im Betrieb werden betriebsspezifische Ressourcen (Fertigkeiten, Kenntnisse und Haltungen) aufgebaut, während die Berufsfachschule und die überbetrieblichen Kurse den Lernenden die Entwicklung von allgemeineren, betriebsübergreifenden Ressourcen ermöglichen.
Die Table Ronde Berufsbildender Schulen (TRBS) hat 2025 eine «Tour de Suisse» zum Thema Handlungskompetenzorientierung mit vier Etappen organisiert. Ziel war es, im Anschluss an das Projekt Modellübersicht HKO einen vertieften Einblick in die Umsetzung der HKO an den Berufsfachschulen zu ermöglichen. Denn wie im Bericht aufgezeigt wurde, ist zwar der formale Rahmen für die Schulen mit den Bildungsplänen ähnlich; die konkrete Umsetzung variiert jedoch stark und ist durch die Rahmenbedingungen und pädagogisch-didaktischen Konzepte der Schulen geprägt (Strebel & Wettstein 2024).
Etappenorte der «Tour de Suisse» zum Thema Handlungskompetenzorientierung
- Berufsfachschule Gesundheit Baselland, Münchenstein
- Grangeneuve, Posieux
- Berufsbildungszentrum Wirtschaft, Informatik und Technik, Sursee
- WKS KV Bildung Bern, Bern
Rückblick auf die vier Etappen
Berufsfachschule Gesundheit Baselland
Die erste Etappe an der Berufsfachschule Gesundheit Baselland (BfG) legte den Fokus auf die Handlungskompetenzorientierung mittels Binnendifferenzierung im Atelierunterricht. Die HKO ist in den Pflegeberufen seit der Integration ins Berufsbildungssystem im Jahr 2004 etabliert; mit der Entwicklung des neuen Berufsbildes war die grundlegende Umstellung von Fachunterricht auf Handlungskompetenzbereiche (HKB) möglich. Der Bildungsplan beschreibt jede Handlungskompetenz anhand exemplarischer beruflicher Situationen, Situationskreise, handlungsleitender Normen und Regeln sowie der erforderlichen Ressourcen in Form von Kenntnissen, Fähigkeiten und Haltungen. Der Schullehrplan für die Berufskenntnisse strukturiert diese Handlungskompetenzen semesterweise und ergänzt sie durch Situationskreise, handlungsleitende Kenntnisse, situationsspezifische Pflegehandlungen, Schlüsselbegriffe sowie Querverweise zum allgemeinbildenden Unterricht und zur Lernortkoordination.
Die BfG setzt auf individualisiertes Lernen innerhalb unterschiedlicher Lernarrangements, so dass Lernende mit ihren spezifischen Lernvoraussetzungen gemeinsam arbeiten und sich weiterentwickeln können. Dafür wurden unterschiedliche Lernwege gestaltet, die von eng begleiteter Lernführung bis zu weitgehendem Selbstorganisiertem Lernen (SOL) reichen.
Der Unterricht findet dabei immer in offenen Lernlandschaften statt, die klassen- und gruppenübergreifendes Lernen ermöglichen. Der Raum wird als «dritter Pädagoge» verstanden und bewusst in die Unterrichtsplanung einbezogen. Lehrerteams bereiten den Atelierunterricht vor und führen ihn gemeinsam durch. Die Lehrerinnen unterrichten mehrere Handlungskompetenzbereiche und übernehmen im Atelier unterschiedliche Rollen, etwa als Impulsgeber, Lernprozessbegleiterinnen oder Mediatoren. Die Teamarbeit ermöglicht differenzierte Lernangebote mit angepasster Begleitintensität; dies unterstützt die Motivation der Lernenden.
Insgesamt stellt die BfG fest, dass Binnendifferenzierung ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess ist, der laufend Reflexion erfordert. Die Individualisierung des Lernens bietet vielfältige Lernchancen und stellt gleichzeitig hohe Anforderungen an die Lehrpersonen in der Gestaltung und Steuerung der komplexen Lernsettings.
Grangeneuve: Milchtechnologie
Seit 15 Jahren wird die HKO im Beruf der Milchtechnologinnen EFZ umgesetzt. Der Bildungsplan ist nach dem HK-Modell des SBFI gestaltet. Er enthält Beschreibungen der Handlungskompetenzbereiche und Handlungskompetenzen sowie Leistungsziele für die drei Lernorte. Der Bildungsplan enthält eine breite Palette an Milchprodukten als einzelne Handlungskompetenzen. Obschon die Lehrbetriebe typischerweise nicht alle Produkte herstellen, werden in der Schule und den üK alle beruflichen Handlungskompetenzen ausgebildet.
Die vier Schulen, die diesen Beruf ausbilden, haben gemeinsam auf die Handlungskompetenzen ausgerichtete Unterrichtsmaterialien erarbeitet. Berufsrelevante mathematische oder physikalische Fertigkeiten und Kenntnisse etwa sind in verschiedene Handlungskompetenzen integriert. Diese Materialien bilden die Basis für den Unterricht, der auf die theoretischen Aspekte fokussiert. Die Verknüpfung zum Lehrbetrieb erfolgt über die Lerndokumentation. Die üK finden an der Schule statt und vertiefen die beruflichen Fertigkeiten. Dadurch, dass alle Lehrpersonen im Teilpensum arbeiten und weiterhin im Beruf tätig sind, wird die Verbindung zur Praxis zusätzlich gestärkt.
Auch in Grangeneuve spielt für die Umsetzung der HKO die Infrastruktur eine zentrale Rolle. Anstatt offene Lernlandschaften sind dies jedoch die gut ausgestattete Schulkäserei und das Labor.
Auch in Grangeneuve spielt für die Umsetzung der HKO die Infrastruktur eine zentrale Rolle. Anstatt offene Lernlandschaften sind dies jedoch die gut ausgestattete Schulkäserei und das Labor. So kann die Verknüpfung von Theorie und Praxis direkt vor Ort in der Schule gemacht werden. Die Lehrpersonen können während des Unterrichts die Räume nutzen und Vorgehensweisen direkt an Maschinen oder im Labor demonstrieren. Die Lernenden setzen Wissen zu Maschinen und Laborarbeiten praktisch ein und üben gewisse Abläufe und Fertigkeiten realitätsnah ein. Dabei dürfen sie auch Fehler machen oder Fehler werden bewusst gemacht, damit man die Konsequenzen erleben (riechen und schmecken) kann.
Aktuell ist die Schule dabei, digitaler zu werden und führt in einem ersten Schritt BYOD sowie digitalisierte Schulmaterialien ein. Zudem fördern die Lehrpersonen aus eigener Initiative die Lernortkooperation. Sie führen neue Ansätze wie Transferaufträge ein, um die Verbindung zwischen dem schulischen und betrieblichen Lernort zu stärken. Insgesamt stellt die Schule fest, dass der Ansatz der HKO für die Jugendlichen, die aus der obligatorischen Schule kommen, eine Umstellung ist. Dabei sei es wichtig, die Grundlagen nicht aus den Augen zu verlieren. Einige Lernende hätten auch Mühe damit, die Verbindungen zu sehen, wenn fachliche Inhalte auf verschiedene HK verteilt vermittelt werden.
Berufsbildungszentrum Wirtschaft, Informatik und Technik, Sursee
Das BBZW Sursee stellte vier Berufe ins Zentrum: Landmaschinenmechaniker, Informatikerin, Mediamatiker und Kauffrau. Die ICT-Grundbildungen haben bereits Anfang der 2000er-Jahre ein modulares Konzept eingeführt. Der heutige Bildungsplan baut auf dem HK-Modell auf; aber anstelle von Leistungszielen für die Berufsfachschule zu nennen wird auf die entsprechenden Module im Modulbaukasten von ICT-Berufsbildung Schweiz verwiesen. Dies soll eine flexible Anpassung in einer sich schnell verändernden Branche ermöglichen. Die Module beschreiben Kompetenzen und Handlungsziele. Jedes Modul umfasst 40 Lektionen. In der kaufmännischen Grundbildung wird seit 2023 das HK-Modell umgesetzt. Den Schulen steht ein nationaler Lehrplan zur Verfügung. Dieser enthält Lernfelder mit Bezug zu den Handlungskompetenzen. Jedes Lernfeld definiert typische Tätigkeiten und bezieht sich auf Leistungsziele des Bildungsplans. Diese werden in Grundlagenwissen, Fertigkeiten und Sprachkompetenzen aufgeteilt. Der Bildungsplan der Landmaschinenmechanikerinnen besteht seit 2007. Er weist eine Sachgebietsstruktur mit Grundlagen und Facharbeiten auf, die auf beruflichen Arbeitssituationen beruhen. Die Ausbildungsübersicht für die Schulen ordnet die Leistungsziele Semestern zu und legt Lektionenzahlen fest.
Am BBZW in Sursee wird die Digitalisierung seit 2017/2018 mit externer Begleitung durch pädagogische Hochschulen gestaltet. Die Schule hat eine Strategie und ein didaktisches Konzept rund um HKO, Blended Learning und SOL entwickelt. Sie fördert das individuelle Lernen in einer unterstützenden und zukunftsorientierten Umgebung. Wichtig sind auch moderne Lern- und Lehrformen, eine innovative Infrastruktur und die gemeinsame Weiterentwicklung der Berufsbildung als Team und mit den Lernenden. Für die Schulleitung ist die Digitalisierung kein Projekt, sondern ein Lernprozess, der stetig weiterläuft.
Die Rolle der Lehrpersonen hat sich in Richtung Lernbegleitung entwickelt. Die Schule stellt den Bezug zur Praxis her, damit die Lernenden Gelerntes bewusst im Betrieb anwenden können.
Aus Sicht der Lernenden der BBZW ist HKO greifbar und praxisnah. Sie stellen grosse Unterschiede zum Unterricht in der Oberstufe fest.
Aus Sicht der Lernenden der BBZW ist HKO greifbar und praxisnah. Sie stellen grosse Unterschiede zum Unterricht in der Oberstufe fest. Der BFS-Unterricht ist nicht frontal, er fokussiert auf Projekte und darauf Wissen direkt umzusetzen. Es gibt viele Gruppenarbeiten und Lösungen müssen selbstständig erarbeitet werden. Berufliche Situationen wie zum Beispiel Verkaufsgespräche werden in Rollenspielen geübt. Die Lernenden sehen die Vorteile des HKO-Unterrichts darin, dass sie sich einfacher in den Stoff hineinversetzen können. Es ist für sie motivierend, zu wissen, dass man das Gelernte im Berufsleben braucht. Sie fühlen sich gut auf das Berufsleben vorbereitet und können den Transfer der Theorie in den Betrieb machen.
WKS KV Bildung Bern: 360 Grad Blick auf die HKO
Die neuen Rahmenbedingungen für die kaufmännische Grundbildung (siehe Beschreibung oben) hat die Schule vor grosse Herausforderungen gestellt. Für die Umsetzung der Revision musste die bisherige Fächerstruktur aufgelöst werden. Die Lehrpersonen haben in der Regel jedoch einen akademischen Hintergrund und verstehen sich als Fachlehrpersonen. Die WKS wollte die Revision mit dem bestehenden Personal umsetzen und ihnen ähnliche Pensen bieten wie im alten System. Um dies zu erreichen wurden die Lernfelder aus dem Lehrplan aufgeteilt und möglichst zu 40 Lektionen-Päckchen geschnürt, um Jahresstundenpläne zu erarbeiten. Um die Vernetzung zwischen den Handlungskompetenzen zu fördern, finden immer wieder Projekte statt, die von zwei Fachlehrpersonen je aus ihrer Perspektive betreut werden. Daraus ergibt sich ein überfachlicher Austausch.
Ein wichtiges Element für die Vernetzung der Handlungskompetenzen sind die HKO-Aufträge, die auf kantonaler Ebene gemeinsam entwickelt wurden. Die Lernenden erhalten einen Auftrag, der verschiedene Handlungskompetenzen verbindet und auch an ihren Erfahrungen im Lehrbetrieb anknüpft.
Eine weitere Veränderung durch den neuen Bildungsplan ist die Portfolioarbeit. Die Lernenden führen im Betrieb ein Portfolio als Lerndokumentation und beschäftigen sich auch an der Berufsfachschule mit Selbstreflexion. An der WKS erarbeiten die Lernenden jedes Semester ein Thema und präsentieren es mündlich. Dadurch eignen sie sich verschiedene Arbeits- und Reflexionstechniken an, entwickeln ihre sprachlichen Kompetenzen weiter und üben das mündliche Präsentieren.
Handlungskompetenzorientierung als Gestaltungsrahmen – gemeinsame Prinzipien, vielfältige Umsetzungen
Es zeigt sich deutlich, dass die konkrete Umsetzung der HKO stark schul- und berufsspezifisch erfolgt. HKO ist kein starres didaktisches Rezept, sondern bildet einen Gestaltungsrahmen. Damit bestätigt sich das Fazit der Modellübersicht HKO (Strebel & Wettstein 2024), wonach sich hinter der formalen Vergleichbarkeit eine inhaltlich-didaktische Vielfalt verberge.
In allen Berufen verbinden die Schulen die HKO mit einer stärkeren Praxisorientierung und einem Rollenwandel hin zum Lernbegleitenden bei den Lehrpersonen.
In allen Berufen verbinden die Schulen die HKO mit einer stärkeren Praxisorientierung und einem Rollenwandel hin zum Lernbegleitenden bei den Lehrpersonen. Dies zeigt sich auch in den Methoden, die eingesetzt werden, z.B. Fallanalysen, Praxisdemonstrationen und Handlungskompetenz-Aufträge.
Schliesslich sind sich die Schulen einig darüber, dass die Umsetzung der HKO anspruchsvoll ist. Zum Beispiel bezüglich Entwicklung von guten Aufträgen und Prüfungen und der didaktischen Weiterqualifizierung der Lehrpersonen.
Einige Schulen blicken auf jahrzehntelange Erfahrungen mit der HKO zurück, während in der kaufmännischen Grundbildung ein grundlegender Strukturwandel erst mit der Revision 2023 erfolgt ist. Je länger die HKO bereits etabliert ist, desto selbstverständlicher sind auch fächerübergreifende Strukturen.
Die HKO wird räumlich, digital und organisatorisch je nach Möglichkeiten der Schulen umgesetzt. Die Infrastruktur wirkt als didaktischer Faktor mit, sei es als «dritter Pädagoge» in Atelierräumen in Baselland oder durch die Schulkäserei und das Labor in Grangeneuve. Auch die digitale Infrastruktur und Konzepte wie Blended Learning oder SOL sind sehr unterschiedlich stark ausgeprägt und in das HKO-Verständnis integriert.
Die grundsätzliche Debatte zur HKO spiegelt sich an den Schulen wider: Wie viel fachliche Systematik braucht handlungskompetenzorientierter Unterricht? In Grangeneuve wird das Fachwissen stark betont, in Baselland werden Kenntnisse konsequent in Situationen und Fallkontexte eingebettet. Am BBZW Sursee und der WKS Bern wird die Theorie über Projekte oder HK-Aufträge mit der Praxis vernetzt.
Ein weiterer Unterschied zeigt sich bei den Profilen der Lehrpersonen – berufspraktisch sozialisierte Lehrpersonen haben einen einfacheren Zugang zur HKO als akademisch geprägte Fachlehrpersonen.
Die «Tour de Suisse HKO» hat ein kurzes Eintauchen in unterschiedliche Schulkulturen ermöglicht. Sie war geprägt durch die Offenheit der Schulen über Herausforderungen und Lösungsansätze zu sprechen. Die Spannungsfelder Theorie-Praxis, Bewertung und Arbeitsbelastung sind systemisch mit der Umsetzung der HKO verknüpft und nicht schulspezifisch. Die vier Etappen lieferten damit ein exemplarisches Bild des aktuellen Stands der HKO-Umsetzung und Debatten in der Schweizer Berufsbildung (Maurer 2025, Schneebeli 2025).
Referenzen
- Maurer, M. (2025) Transfer. Zu wenig Theorie: Der beruflichen Grundbildung droht ein Imageschaden
- SBFI (2025) 2.3 Handlungskompetenzorientierung. Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI
- Schneebeli, R. (2025). Handlungskompetenzorientierung in der Berufsbildung – gekommen um zu bleiben?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 10 (1).
- Strebel, A. & Wettstein, F. (2024). Modellübersicht Handlungskompetenzorientierung. Zusammenstellung für ein gemeinsames Begriffsverständnis in der schweizerischen Berufsbildung. Schweizerische Berufsbildungsämter-Konferenz (SBBK).
Zitiervorschlag
Strebel, A. & Wettstein, F. (2026). Vier Schulen – vier Wege der Handlungskompetenzorientierung. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (4).

