Serie Berufsmaturität, Teil 2: Zugang und Abschlüsse
Wer eine Berufsmaturität macht – und wer nicht
Die Berufsmaturität BM gilt als zentrale Brücke zwischen Berufs- und Hochschulbildung. Formal steht die BM allen Lernenden mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis EFZ offen, welche die Zulassungsbedingungen erfüllen. In der Praxis ist der Zugang jedoch sehr ungleich verteilt: Er hängt vom Lehrberuf, vom Lehrbetrieb, vom Wohnkanton und von individuellen Merkmalen der Jugendlichen ab. Zudem schliesst ein beträchtlicher Teil der Lernenden eine begonnene BM1 gar nicht erst ab.
Die Durchlässigkeit des schweizerischen Bildungssystems wird allenthalben als bedeutende Errungenschaft gelobt. Sie erlaubt es Jugendlichen, in die Berufs- oder Allgemeinbildung einzutreten und später trotzdem einen Tertiärabschluss des jeweils anderen Bereichs zu erwerben. Eine zentrale Rolle nimmt dabei die Berufsmaturität ein, weil sie Personen mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) den Zugang zu einem Hochschulstudium verschafft.
Die BM kann auf zwei Arten erworben werden: ausbildungsbegleitend als BM1 oder nach Abschluss der beruflichen Grundbildung als BM2. BM1 und BM2 haben unterschiedliche Vor- und Nachteile. Die BM1 geht mit einer Doppelbelastung für die Lernenden einher, führt aber nicht zu einer Verlängerung der Ausbildungszeit. Bei der BM2 ist es umgekehrt. Die Belastung ist geringer, dafür verlängert sich die Ausbildung sowie die Phase ohne Erwerbseinkommen.
Sammelband im hep Verlag: Die Berufsmaturität verstehen und gestalten

Eine ausführliche Version dieses Beitrags findet sich in einem vom hep Verlag im Mai 2026 herausgegebenen Sammelband. Dieser zeigt auf, wie die Berufsmaturität in der Schweiz entstanden ist, wie sie im Bildungssystem verankert und ausgestaltet ist und wie sie sich weiterentwickeln lässt. Er richtet sich insbesondere an Lehrpersonen in Ausbildung, Berufsmaturitäts-Lehrpersonen und Bildungsfachleute.
Der jährliche Anteil der BM-Abschlüsse gemessen an allen EFZ-Abschlüssen ist seit 2012 ziemlich stabil, er schwankt nur geringfügig zwischen gut 22 und 24 Prozent. Innerhalb dieses stabilen Gesamtbilds hat sich jedoch das Verhältnis der beiden BM-Typen verschoben: Die BM1-Abschlüsse haben seit 2012 um etwa 15 Prozent abgenommen, die BM2-Abschlüsse dagegen um 18 Prozent zugenommen, sodass mittlerweile weniger BM1- als BM2-Abschlüsse gemacht werden. Bemerkenswert ist zudem, dass gut 38 Prozent der BM1-Abschlüsse auf vollschulische berufliche Grundbildungen entfallen, wozu beispielsweise die Handels- und Informatikmittelschulen gehören. Die BM1 in der dualen Lehre im Betrieb ist somit unter den BM-Abschlüssen klar in der Minderheit.
Wie hoch ist der BM-Anteil in verschiedenen Lehrberufen?
Der Durchschnittswert von rund 23 Prozent der Lernenden, die eine BM erwerben, verdeckt grosse Unterschiede zwischen den Ausbildungsberufen. Während im Jahr 2023 beispielsweise mehr als zwei Drittel der lernenden Elektroniker:innen EFZ eine BM erworben haben, waren es bei den Logistiker:innen EFZ weniger als zwei Prozent. Am höchsten ist der BM-Anteil in vierjährigen technischen Berufen, die stark von digitalen Technologien geprägt sind: neben den erwähnten Elektroniker:innen gehören dazu beispielsweise auch die Berufe Konstrukteur:in, Grafiker:in, Zeichner:in und Mediamatiker:in, die BM-Anteile von über 50 Prozent aufweisen. Unter den grossen Berufen am anderen Ende der Skala liegen Koch/Köchin EFZ und die Detailhandelsfachleute EFZ mit BM-Anteilen von weniger als 10 Prozent.
Es gibt mehrere Gründe für diese Unterschiede. Erstens unterscheidet sich die Zusammensetzung der Lernenden zwischen den Berufen. Lernende aus BM-starken Berufen haben in der Regel einen Sekundarschultyp mit erweiterten Anforderungen besucht und sind schulisch im Durchschnitt leistungsfähiger als Lernende aus Berufen mit tiefen BM-Anteilen.
Zweitens unterscheiden sich die Lehrberufe darin, wie stark sie die BM1 unterstützen. Da die Absolvierung einer BM1 in der dualen Grundbildung das Einverständnis des Lehrbetriebs voraussetzt, sind Lernende darauf angewiesen, dass der Lehrbetrieb ihren Wunsch nach dem Besuch der Berufsmaturitätsschule erfüllt. Ob ein Betrieb bereit ist, seinen Lernenden die BM1 anzubieten, hängt unter anderem von Kosten-Nutzen-Überlegungen ab. Weil BM1-Lernende einen zusätzlichen Tag pro Woche im Betrieb fehlen, fällt für die Betriebe weniger produktive Arbeitszeit an – ohne dass sie den Lohn entsprechend kürzen dürften. Abbildung 1 bildet das durchschnittliche Kosten-Nutzen-Verhältnis der Betriebe für Lernende mit und ohne BM1 ab. Die Zahlen beruhen auf der Kosten-Nutzen-Erhebung der EHB (Gehret et al., 2025) für das Ausbildungsjahr 2022/23 und zeigen, dass die produktiven Leistungen von BM1-Lernenden im Ausbildungsbetrieb tiefer ausfallen als von Lernenden ohne BM1. Dies senkt den Nettonutzen der Betriebe und weist darauf hin, dass der zusätzliche Tag in der Berufsmaturitätsschule eine – wenn auch moderate – Belastung darstellt für die Ausbildungsbetriebe. Im Gegenzug erhalten die Betriebe besonders leistungsfähige Lernende, die dazu beitragen, ihren langfristigen Fachkräftebedarf zu decken.

Abbildung 1: Jährliche Bruttokosten, produktive Leistungen und Nettonutzen von EFZ-Lehrverhältnissen mit und ohne BM1. Quelle: Gehret et al. (2025).
In welchen Lehrberufen ist die BM1 stärker verbreitet, in welchen die BM2?
Wie unterschiedlich stark verbreitet die BM in den Ausbildungsberufen ist, zeigt sich nicht nur an der Gesamtquote, sondern auch an der Kombination der Anteile an BM1 und BM2, die in Abbildung 2 dargestellt ist. Im oberen rechten Quadranten befinden sich Berufe mit hohen Anteilen bei beiden BM-Typen – etwa Elektroniker:in, Konstrukteur:in oder Laborant:in. Sie unterscheiden sich aber durchaus voneinander: Während der BM1-Anteil bei den Elektroniker:innen EFZ am höchsten liegt, finden sich bei den Zeichner:innen EFZ besonders viele, die eine BM2 absolvieren. Im oberen linken Quadranten sind Berufe abgebildet, die einen hohe BM2-, aber einen niedrigen BM1-Anteil aufweisen. Beispiele sind die Berufe Pharma-Assistent:in EFZ und Medizinische:r Praxisassistent:in EFZ. Unterdurchschnittliche BM1- und BM2-Anteile, dargestellt im unteren linken Quadranten, weisen viele dreijährige Berufe aus dem gewerblichen Bereich auf. Die Kombination von überdurchschnittlichem BM1- und unterdurchschnittlichem BM2-Anteil, dargestellt im unteren rechten Quadranten, ist eher selten. Der Beruf Grafiker:in EFZ, der diese Kombination zeigt, wird häufig vollschulisch erlernt. Die starke Konzentration der BM1 auf vierjährige Ausbildungsberufe dürfte unter anderem damit zusammenhängen, dass die zusätzliche Belastung der BM-Lernenden durch die BMS in diesen Berufen auf einen längeren Zeitraum verteilt werden kann.

Abbildung 2: Anteil der BM1- und BM2-Abschlüsse in den häufigsten EFZ-Berufen und den BM-stärksten Berufen. Ein Asterisk (*) kennzeichnet die Top Ten der EFZ-Berufe Stand 2023 (illustrative Rekonstruktion nach BFS, Darstellung I. Kriesi & J. Schweri)
Wer beginnt eine BM? Die Rolle individueller Merkmale
Neben Beruf und Betrieb prägen individuelle Merkmale den Zugang zur BM. Weitaus am stärksten schlägt das besuchte Sekundarschulniveau durch: 88 Prozent der BM1-Lernenden und 83 Prozent der BM2-Lernenden stammen aus Sekundarschulniveaus mit erweiterten Anforderungen – obwohl diese nur von gut der Hälfte der Lernenden besucht wurden. Jugendliche aus Niveaus mit Grundanforderungen absolvieren deutlich seltener eine BM. Wenn doch, absolvieren sie häufiger eine BM2 als eine BM1.
Zu den naheliegenden Gründen für die Unterrepräsentation Jugendlicher aus Sekundarschultypen mit Grundanforderungen gehört, dass sie die nötigen Schulleistungen nicht erbringen. Zudem absolvieren sie ihre Lehre oft in einem Ausbildungsberuf mit tiefem oder mittlerem Anforderungsniveau, in denen die BM1 wenig unterstützt wird. Der in der Regel eher niedrige Berufsschulanteil in diesen Beruf kann sich gemäss der Forschung zudem hinderlich auswirken auf weiterführende schulische Ausbildungen (Meyer & Sacchi 2020), wozu die BM2 gehört. Nicht zuletzt trauen sich Jugendliche aus Sekundarschulniveaus mit Grundanforderungen schulisch oft wenig zu (Stamm 2016), so dass sie eine BM vermutlich gar nicht in Betracht ziehen. Beim Geschlecht zeigen sich Unterschiede zwischen BM1 und BM2: Die BM1 wird deutlich häufiger von jungen Männern absolviert. Bei der BM2 zeigen sich dagegen keine Geschlechterunterschiede.
Zusammenfassend zeigt sich, dass seitens der Lernenden der schulische Hintergrund und, teilweise damit zusammenhängend, der gewählte Lehrberuf die wichtigsten Bestimmungsgründe sind, ob sie mit einer BM beginnen. Darüber hinaus spielt der Wohnkanton eine Rolle. Die Kantone unterscheiden sich teilweise deutlich bezüglich der BM-Quoten und der Zugangsregelungen zur Berufsmaturitätsschule (mehr dazu im Buchbeitrag).
Wer schliesst die BM erfolgreich ab?
Auch nach dem Eintritt in eine BM ist der Weg nicht für alle gleich lang. Bis zu einem Drittel der Jugendlichen, die eine BM1 beginnen, schliessen diese nicht ab – entweder, weil sie die Berufsmaturitätsschule vorzeitig abbrechen, oder weil sie die Abschlussprüfungen nicht bestehen. Bei der BM2 sind die Misserfolgsquoten tiefer und liegen zwischen 13 und 16 Prozent. Die eher geringe Abschlussquote bei der BM1 dürfte verschiedene Gründe haben: Ins Gewicht fällt vermutlich, dass die ausbildungsbegleitende BM anspruchsvoll und zeitintensiv ist. Die Lernenden absolvieren die Berufsmaturitätsschule neben der regulären Berufsausbildung. Dies führt zu einer doppelten Belastung – sie müssen deutlich mehr Schulstoff bewältigen und Prüfungen vorbereiten als Lernende ohne BM1. Darüber hinaus ist in Berufen, in denen die BM1 eher selten absolviert wird, der Unterricht an Berufsfachschule, üK und Berufsmaturitätsschule BMS zeitlich nicht immer aufeinander abgestimmt. Dies führt zu Mehraufwand und Terminkollisionen, so dass BM-Unterricht verpasst wird. Auch Lehrvertragsauflösungen können zur geringen Abschlussquote der BM1 beitragen, da eine vorzeitige Beendigung des Lehrverhältnisses meist auch mit einer Beendigung der BMS einhergeht. Nicht bestandene Abschlussprüfungen sind allerdings nur für etwa 5 Prozent der vorzeitigen Abbrüche der BM1 verantwortlich (Trede et al. 2020).
Fazit: So könnte die BM-Quote erhöht werden
Die BM stellt den Zugang von der beruflichen Grundbildung an die Hochschule sicher. Damit trägt sie entscheidend dazu bei, dass die berufliche Grundbildung in der Schweiz attraktiv bleibt. Allerdings stagniert der Anteil der Lernenden, die ihr EFZ mit einer Berufsmaturität ergänzen, seit mehr als 10 Jahren. Vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Strukturwandels und der damit einhergehenden steigenden Nachfrage nach Personen mit einem Tertiärabschluss stellt sich die Frage, ob die BM-Quote erhöht werden müsste. Um dies zu erreichen, braucht es Anstrengungen, um den grossen Anteil der Jugendlichen in der betrieblichen Grundbildung zu reduzieren, die mit einer BM1 beginnen, diese aber nicht abschliessen. Dazu beitragen könnte eine bessere Vorbereitung der Jugendlichen im letzten Sekundarschuljahr sowie zusätzliche Unterstützungsangebote durch die Berufsmaturitätsschulen, welche die grosse Belastung durch die Kombination von dichtem Schulprogramm und betrieblichem Lernen reduzieren. Darüber hinaus könnte die Belastung verringert werden durch eine gute Koordination zwischen den vier Lernorten Betrieb, Berufsfachschule, überbetriebliche Kurse und Berufsmaturitätsschule. Dies trifft besonders auf Lehrberufe ohne hohe BM1-Quote zu und stellt auch eine Herausforderung für die Berufsentwicklung dar.
Serie zur Berufsmaturität
Transfer publiziert eine vierteilige Serie zur Berufsmaturität:
Teil 2: Wer eine Berufsmaturität macht – und wer nicht (Irene Kriesi und Jürg Schweri), 22.9.2026
Teil 3: Kompetenzorientiertes Lernen im BM-Unterricht im Spannungsfeld zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung (Andrea Meier, Martin Vonlanthen, im Newsletter vom 27. Oktober)
Teil 4: Interdisziplinarität in der BM – ein ambitioniertes Projekt zwischen Anspruch und Realität (Anina Lauber, Andrea Meier, im Newsletter vom 17. November)
Literatur
Gehret, A., Kuhn, A. & Schweri, J. (2025). Lohnt sich die Ausbildung von Lernenden? Kosten, Nutzen und Ausbildungsqualität aus Sicht der Betriebe 2025. Zollikofen: Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung.
Kriesi, I. & Schweri, J. (2026). Zugang zur Berufsmaturität und erfolgreiche Berufsmaturitätsabschlüsse. S. 63-84 in Jöhr, M., Lauber, A., Meier, A., Vonlanthen, M. Berufsmaturität im Kontext der Schweizer Berufsbildung verstehen und gestalten. Bern: hep.
Meyer, T. & Sacchi, S. (2020). Wie viel Schule braucht die Berufsbildung? Eintrittsdeterminanten und Wirkungen von Berufslehren mit geringem schulischem Anteil. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderband Berufe und Soziale Ungleichheit, 105-134.
Stamm, M. (2016). Die Realschule ist keine Restschule! Aargauer Zeitung, 15. August 2016:16.
Zitiervorschlag
Kriesi, I. & Schweri, J. (2026). Wer eine Berufsmaturität macht – und wer nicht. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11.

