Die Sicht von Lernenden in der Romandie auf die Politik
«Demokratie ist nichts für mich» – Wirklich?
Jugendliche in der beruflichen Bildung kümmern sich weniger um Politik als ihre Altersgenossen in der Allgemeinbildung (Gymnasium). Ist dies als Desinteresse zu verstehen? Die vorliegende Studie zeigt ein anderes Bild: Viele Lernende haben das Gefühl, aufgrund ihres Alters und des geringeren Stellenwerts ihrer Ausbildung nicht ernst genommen zu werden. Sie empfinden die Politik als einen distanzierten und kodifizierten Ort, der denjenigen vorbehalten ist, die über mehr Ressourcen oder einen akademischeren Hintergrund verfügen. Sie sind der Meinung, dass ihre Erfahrungen aus der Praxis und ihre praktischen Kompetenzen selten berücksichtigt werden.
So weisen junge Menschen die niedrigste Wahlbeteiligung auf. Zudem sind Personen mit einer beruflichen Bildung unabhängig vom Alter politisch unterrepräsentiert.
Das politische Desinteresse junger Menschen gibt seit Jahren Anlass zur Sorge, in der Schweiz und in anderen Demokratien. So weisen junge Menschen die niedrigste Wahlbeteiligung auf. Zudem sind Personen mit einer beruflichen Bildung unabhängig vom Alter politisch unterrepräsentiert, was darauf hindeutet, dass diese Diskrepanz auch über die Jugendphase hinaus besteht (Tresch et al., 2020, 2024). Dies wirft Fragen auf: In der Schweiz absolvieren fast zwei Drittel der Jugendlichen nach der obligatorischen Schulzeit eine Lehre; wie lässt sich erklären, dass sich diese Mehrheit so wenig an demokratischen Debatten beteiligt?
Die vorliegende Studie unterscheidet sich von Arbeiten, die diese Unterschiede auf mangelndes Interesse oder unzureichende individuelle Kompetenzen zurückführen. Sie hebt die Bedeutung des Bildungssystems und der unterschiedlichen Bildungswege hervor, indem sie untersucht, wie junge Menschen selber ihren Platz in der Gesellschaft erleben und interpretieren (Juarez-Bernaldez & Staerklé, 2025).
Hierarchisches Bild des Bildungssystems
In der Schweiz werden die Schülerinnen und Schüler je nach Schulleistung hierarchisch auf unterschiedliche Bildungswege geleitet. Je früher diese Selektion erfolgt, desto grösser werden die Unterschiede in der politischen Partizipation zwischen den Schülergruppen (Witschge & van de Werfhorst, 2020). Diese Unterschiede sind nicht auf die Art der Ausbildung an sich zurückzuführen, sondern auf den symbolischen Wert, den die Gesellschaft den Bildungsgängen beimisst. Dies geschieht bei der beruflichen Bildung ambivalent, die zwar für ihre wirtschaftliche Effizienz anerkannt ist, aber oft mit geringerem sozialem Prestige assoziiert wird. Die Lernenden und ihre Eltern sind sich dieser Hierarchien bewusst (Duemmler et al., 2020; Mousson et al., 2025). Dabei gibt es kantonale und regionale Unterschiede. Einige Kantone sind während der obligatorischen Schulzeit weniger segregativ als andere. Zudem geniesst die Berufslehre in der deutschen Schweiz ein höheres Ansehen als in der Romandie und wird dort häufiger angeboten. Dies hängt mit kulturellen Normen zusammen, die auch das Engagement von Unternehmen in der Ausbildung begünstigen (Aepli et al., 2021; Cattaneo & Wolter, 2016).
Diese Hierarchien beeinflussen das Gefühl sozialer Anerkennung. Sie prägen die Einstellung junger Menschen zur Politik, indem sie ihr Gefühl, sich äussern und beteiligen zu dürfen, stärken oder schwächen.
Um diese Dynamiken zu untersuchen, fragten wir, wie Lernende Politik wahrnehmen. Im Unterschied zur Politik, die sich auf Institutionen, Parteien oder Wahlen bezieht, verstehen wir unter Politik die Gesamtheit der Machtverhältnisse, Konflikte und Gegensätze, die unsere Gesellschaften und Identitäten strukturieren (Mouffe, 2004). Unser Ziel ist es zu verstehen, wie die Lernenden das Politische definieren, sich darin verorten und sich selbst als legitime oder nicht legitime Bürgerinnen wahrnehmen. Dieses Verständnis ermöglicht es, die Mechanismen zu identifizieren, die dazu beitragen, bestimmte junge Menschen von der politischen Teilhabe fernzuhalten und ihre Inklusion als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft zu schwächen.
Ergebnisse
In den Jahren 2020 und 2021 wurden 17 Fokusgespräche in vier Berufsfachschulen in der Westschweiz durchgeführt. Daran nahmen 99 Lernende (36 weibliche, 63 männliche) im Alter von 15 bis 28 Jahren (M = 17,5 Jahre) teil. Die Gespräche fanden im Rahmen der Allgemeinbildung statt und drehten sich um die Frage, was die Wörter «Politik» und «politisches Engagement» für sie bedeuten.
Politik wird als ferne, verschlossene Welt wahrgenommen
Für die meisten der befragten Jugendlichen scheint Politik ein Bereich zu sein, der ausserhalb ihrer Welt liegt, «in Bern», «im Bundeshaus» oder in einer «Parallelwelt». Diese Distanz ist nicht nur geografischer, sondern vor allem sozialer und symbolischer Art. Mehrere Jugendliche bezeichnen Politik sogar als «Tabuthema», als einen Bereich, von dem sie sich eher fernhalten, da er als konfliktreich oder negativ wahrgenommen wird.
Politik scheint denen vorbehalten zu sein, die «die Codes kennen», eine bestimmte Sprache beherrschen oder in der sozialen Hierarchie höher stehen.
Dieser Eindruck nährt ein Gefühl der Ausgrenzung: Politik scheint denen vorbehalten zu sein, die «die Codes kennen», eine bestimmte Sprache beherrschen oder in der sozialen Hierarchie höher stehen. Das junge Alter verstärkt diese Kluft: Viele Teilnehmende sagen, dass sie nicht ernst genommen werden oder sich «verachtet» fühlen, wenn sie als junge Menschen ihre Meinung äussern.
Diese Distanz drückt also kein Desinteresse aus, sondern eher das Gefühl, an den Rand eines Raums gedrängt zu sein, der von den politischen Geschehnissen abgekoppelt ist. Das Bundeshaus und Bern, die oft als Orte der politischen Entscheidungsfindung genannt werden, erscheinen in den Diskussionen als «Elfenbeintürme», von denen aus das konkrete Engagement der Bürger kaum sichtbar zu sein scheint. Wie ein Teilnehmer es ausdrückt:
« Die Leute im Bundeshaus müssen wirklich sehen, was tatsächlich passiert und wie sehr sich die Menschen engagieren, sei es für die Gemeinschaft oder für viele andere Anliegen. »
Eine strukturelle Kluft zwischen «uns» und «ihnen»: Macht, Legitimität und Moral
Die Diskussionen zeigen eine strukturelle Kluft zwischen «uns» – den Jugendlichen, den Lernenden, den «normalen Menschen» – und «ihnen», den Politikern, die als «wichtige» oder «grosse» Menschen mit Macht wahrgenommen werden. Diese Kluft prägt die Art und Weise, wie Jugendliche Politik interpretieren und sich selbst positionieren.
Dies zeigt sich zunächst in den Darstellungen des typischen Profils von Mandatsträgern, die als älter, wohlhabend, überwiegend weiss und aus angesehenen oder intellektuellen Berufen stammend beschrieben werden. Diese Merkmale werden als Zeichen politischer Legitimität wahrgenommen, im Gegensatz zu den Laufbahnen und Ressourcen, die jungen Menschen in der beruflichen Ausbildung haben.
Dieses Gefühl der Distanz wird durch die politische Sprache verstärkt; diese wird mit akademischen Laufbahnen assoziiert und als komplex, technisch oder absichtlich unverständlich beschrieben. Die Teilnehmerinnen sehen darin eine zusätzliche Barriere, die dazu beiträgt, den Zugang zum Politischen auf diejenigen zu beschränken, die dessen Codes beherrschen.
Zusammen nähren diese Elemente die Vorstellung, dass Politik einer bestimmten, sozial privilegierten Gruppe vorbehalten ist. Jugendliche in der beruflichen Bildung positionieren sich somit spontan auf der Seite derjenigen, die «nicht über die gleichen Ressourcen verfügen», und entwickeln ein Gefühl einer verringerten Legitimität, sich an politischen Debatten und Entscheidungsprozessen zu beteiligen.
Die Jugendlichen sprechen auch von einer moralischen Distanz. Politikerinnen werden manchmal als von ihren eigenen Interessen motiviert beschrieben. Diese moralische Ablehnung veranlasst einige dazu, das politische System der Schweiz als «versteckte Diktatur» zu bezeichnen, in der das Volk nur die Illusion einer Wahl habe.
Dies zeigt, dass die Kluft zwischen «uns» und «ihnen» über einfache institutionelle Kritik hinausgeht. Sie ist für junge Menschen eine Möglichkeit, ihre Position in der Gesellschaft zum Ausdruck zu bringen, indem sie sich im Gegensatz zu Politikerinnen definieren, die sie als Besitzer von Ressourcen und Macht betrachten, zu denen sie keinen Zugang haben.
Die Rolle der Lehre für die Distanz zwischen Jugendlichen und Politik
Die Art und Weise, wie Jugendliche über ihre Ausbildung sprechen, zeigt, wie wichtig die schulische Segregation für die Entstehung dieser Kluft ist. Für viele wird die Lehre gesellschaftlich als «zweite Wahl» angesehen, die weniger wertgeschätzt wird als die Mittelschulen, die zum Studium führen. Diese Hierarchie beeinträchtigt ihr Gefühl der sozialen und politischen Anerkennung.
Ein Gespräch verdeutlicht diese Wahrnehmung:
P3: Für mich ist es Teil der gesellschaftlichen Sichtweise, dass die weiterführende Schule der richtige Weg ist, und wenn man eine Ausbildung macht, bedeutet das: Ah, du gehst einen anderen Weg? Dann bist du doch irgendwie komisch!
P4: Im Grunde genommen ist es so, dass man, wenn man weiter studiert, jemand ist, und wenn man eine Lehre macht, ist man nichts mehr.
Keine akademische Ausbildung zu haben bedeutet, nicht über die symbolischen Ressourcen zu verfügen, die als legitim angesehen werden, um an der politischen Debatte teilzunehmen.
Diese Darstellungen veranschaulichen, wie der mit der beruflichen Bildung verbundene Status ihre wahrgenommene Legitimität beeinflusst: Keine akademische Ausbildung zu haben bedeutet, nicht über die symbolischen Ressourcen zu verfügen, die als legitim angesehen werden, um an der politischen Debatte teilzunehmen.
Angesichts dieser Abwertung betonen die Jugendlichen die Bedeutung praktischer Fähigkeiten und Erfahrungen, um ihren sozialen und beruflichen Nutzen hervorzuheben. Die Aufwertung des «Konkreten» im Gegensatz zu Wissen, das als «theoretisch» wahrgenommen wird, geht einher mit einer Kritik an den politischen Entscheidungsträgern, die als weit entfernt von den Realitäten vor Ort und ohne praktische Kenntnisse beschrieben werden.
Die symbolischen Grenzen zwischen «denen, die Politik machen können» und «denen, für die diese Welt nicht gemacht ist», entstehen so an der Schnittstelle von sozialen, moralischen und schulischen Dimensionen, aber auch durch die Art und Weise, wie sich junge Menschen vor den stigmatisierenden Blicken schützen, denen sie sich als Lernende ausgesetzt sehen. Sich zu distanzieren ermöglicht es ihnen, ein positives Selbstbild in einem System aufrechtzuerhalten, in dem sie untergeordnete Position einnehmen.
Fazit
Die vorliegende Studie zeigt, dass die von Westschweizer Lernenden zum Ausdruck gebrachte Distanz zur Politik weder auf Desinteresse noch auf einem mangelnden Verständnis der Politik beruht, sondern auf einer aktiven Distanzierung, die auf erlebter symbolischer Ausgrenzung beruht. Die Kluft zwischen «uns» und «ihnen» offenbart ein Verständnis von Politik, das auf Machtverhältnissen beruht, in denen der soziale Status, der mit dem Alter und der Art der Ausbildung zusammenhängt, eine zentrale Rolle spielt. Dieses Bild ist eng mit den sozialen Vorstellungen und symbolischen Hierarchien verbunden, die mit der beruflichen Grundbildung verknüpft sind und die Art und Weise beeinflussen, wie junge Menschen sich selbst und ihren Platz in der Gesellschaft wahrnehmen. Durch die Untersuchung regionaler Unterschiede könnten zukünftige Forschungsarbeiten zu einem besseren Verständnis der zugrunde liegenden Mechanismen beitragen.
Dies alles geht nicht mit einer generellen Ablehnung der Politik einher. Im Gegenteil, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer formulieren selbst Ansätze, wie ihr Interesse an Politik und ihre Beteiligung gesteigert werden könnten (Juarez-Bernaldez, im Druck). Sie betonen, wie wichtig es ist, Politik bereits in der Schule und später im Rahmen ihrer Ausbildung konkreter und praxisorientierter zu behandeln. Allgemeinbildende Fächer spielen dabei eine zentrale Rolle: Sie werden als privilegierter Raum für die Entwicklung politischer Kompetenzen angesehen – etwa im Rahmen von Debatten, von Analysen aktueller Ereignisse oder der Vorbereitung von Abstimmungen. Solche Auseinandersetzungen wecken die Neugier und machen Instrumente zum Verständnis und zur Diskussion kollektiver Themen zugänglich. Sie ermöglichen es den Lernenden, sich als legitime Akteure der Politik zu positionieren – wie es die Leitlinien zur Überarbeitung des Lehrplans für Allgemeinbildung im Rahmen von «Allgemeinbildung 2030» vorgeben.
Die Existenz formaler politischer Rechte garantiert noch keine faire Teilhabe. Es reicht auch nicht, junge Menschen stärker zu «motivieren», sich politisch zu engagieren. Demokratie zu fördern bedeutet, die Erfahrungen derjenigen zu berücksichtigen, die ausserhalb oder am Rande des politischen Feldes stehen und zu verstehen, wie Strukturen des Bildungssystems, des sozialen Gefüges und der Politik die Möglichkeiten des Engagements selbst prägen.
Zusammenfassung
Jugendliche in der beruflichen Grundbildung gehören zu den Gruppen, die sich in der Schweiz am wenigsten politisch engagieren. Diese geringe Beteiligung wird oft als Desinteresse interpretiert. Dem widerspricht die vorliegende Studie. Anhand einer Reihe von Diskussionen an vier Berufsfachschulen in der Romandie (N = 99), wurde analysiert, wie Lernende Politik wahrnehmen und wie diese Wahrnehmung ihre Art der politischen Beteiligung beeinflusst.
Die befragten Lernenden beschreiben die Politik als eine Welt, die schwer zugänglich ist und von älteren Menschen dominiert wird, die sozial bessergestellt sind und weit von ihrer Realität entfernt sind. Diese Distanz ist verbunden mit dem Eindruck, dass ihre Beteiligung «nichts ändern würde» und dass sie aufgrund ihres Alters oder der geringeren Anerkennung ihres Bildungswegs nicht ernst genommen werden. Sie stellen häufig «uns», die gewöhnlichen jungen Menschen, die nah an der Praxis sind, «ihnen», den Politikern, die als weit entfernt oder mit anderen Prioritäten beschäftigt wahrgenommen werden, gegenüber.
Zu diesen Einschätzungen trägt die Hierarchie zwischen den Bildungsgängen bei. Viele haben das Gefühl, dass die berufliche Bildung weniger anerkannt sei als die akademische und glauben, dass sie nicht gleich legitimiert sind, sich in der öffentlichen Debatte zu äussern. Um diesem Mangel an Anerkennung entgegenzuwirken, heben junge Menschen ihre praktischen Fähigkeiten, ihren sozialen Nutzen und ihre konkreten Erfahrungen in der Arbeitswelt hervor. Diese Distanzierung von der Politik erscheint somit eher als ein Mittel, um ein positives Selbstbild zu bewahren, denn als ein Zeichen von Gleichgültigkeit.
Die Ergebnisse regen dazu an, über Formen der Partizipation nachzudenken, die die Vielfalt der Lebenswege anerkennen und es jungen Menschen in der beruflichen Grundbildung ermöglichen, sich im demokratischen Leben legitimiert zu fühlen.
Literatur
- Aepli, M., Kuhn, A., & Schweri, J. (2021). Culture, norms, and the provision of training by employers: Evidence from the Swiss language border. Labour Economics, 73, 102057.
- Cattaneo, M. A., & Wolter, S. C. (2016). Die Berufsbildung in der Pole-Position (p. 16). Swiss Coordination Centre for Research in Education.
- Duemmler, K., Caprani, I., & Felder, A. (2020). The challenge of occupational prestige for occupational identities: Comparing bricklaying and automation technology apprentices in Switzerland. Vocations and Learning, 13, 369–388.
- Juarez-Bernaldez, V. (sous presse). Just Another Brick in the Wall? A Status-Based Multi-Methods Approach to Youth Political (Dis)Engagement. Lausanne.
- Juarez-Bernaldez, V., & Staerklé, C. (2025). The View From Below: Low-Status Youth Representations of the Political in Switzerland. Journal of Community & Applied Social Psychology, 35(4), e70149.
- Mouffe, C. (2004). Le politique et la dynamique des passions. Rue Descartes, 4546(3), 179–192.
- Mousson, M., Roberts, J., & Kocher, J. P. (2025). Enquête sur la perception de la formation professionnelle dans le Canton de Vaud.
- Tresch, A., Lauener, L., Bernhard, L., Lutz, G., & Scaperrotta, L. (2020). Élections fédérales 2019. Participation et choix électoral.
- Tresch, A., Rennwald, L., Lauener, L., Lutz, G., Alkoç, N., Benvenuti, R., & Mazzoleni, O. (2024). Élections fédérales 2023. Participation et choix électoral.
- Witschge, J., & van de Werfhorst, H. G. (2020). Curricular tracking and civic and political engagement: Comparing adolescents and young adults across education systems. Acta Sociologica, 63(3), 284–302.
Zitiervorschlag
Juarez-Bernaldez, V. & Staerklé, C. (2026). «Demokratie ist nichts für mich» – Wirklich?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (4).

