Kanton Zürich: «Talentförderung Plus» evaluiert
Talentförderung als Teil der betrieblichen Ausbildungskultur
Seit 2016 unterstützt der Kanton Zürich Lehrbetriebe und Organisationen der Arbeitswelt (OdA) bei der Förderung leistungsstarker Lernender. Nun hat das Mittelschul- und Berufsbildungsamt (MBA) die Wirkung des Programms «Talentförderung Plus» durch die Pädagogische Hochschule Zürich evaluieren lassen, um es weiterzuentwickeln. Besonders die neue Kategorie «Förderprogramm» markiert einen Paradigmenwechsel: Talentförderung soll nicht punktuell erfolgen, sondern strukturell im Betrieb verankert und von dessen Führung mitgetragen werden.
Im Kanton Zürich gibt es rund 37’000 Lehrverhältnisse (2024). Studien zeigen, dass 7% bis 10% der Lernenden über ein Potenzial verfügen würden für überdurchschnittliche oder herausragende Leistungen.
«Talentförderung Plus»[1] des Kantons Zürich sensibilisiert die Lehrbetriebe, Verbände und Berufsfachschulen, leistungsstarke Lernende zu erkennen und zu fördern. Der Berufsbildungsfonds des Kantons Zürich unterstützt seit 2016 die Lehrbetriebe und OdAs mit einem finanziellen Pauschalbeitrag von jährlich 150’000 bis 200’000 Franken, die dem MBA des Kantons Zürich vom Fonds bewilligt werden. Das MBA betreut zudem die Webseite und stellt die personellen Ressourcen zur Verfügung.
«Die Förderung von leistungsstarken und -willigen Lernenden gilt als ein Schlüsselelement zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses», Jonas Schudel, Leiter Betriebliche Bildung MBA.
Talentförderung ist direkt mit dem Prinzip der Chancengerechtigkeit verbunden. Nicht nur bereits ausgewiesene Leistungsstärken sollen unterstützt werden, sondern auch verborgene Potenziale. Angesichts des hohen Bedarfs an Fachkräften ist dies nicht nur eine individuelle Förderaufgabe, sondern auch ein bildungspolitischer Auftrag. Die Entwicklung dieser Potenziale trägt wesentlich zur Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz, zur nachhaltigen Sicherung des Fachkräfteangebots und zur Attraktivität der Berufsbildung bei.
Im Kanton Zürich gibt es rund 37’000 Lehrverhältnisse (2024).[2] Studien zeigen, dass 7% bis 10% der Lernenden über ein Potenzial verfügen würden für überdurchschnittliche oder herausragende Leistungen.[3] Gefördert werden im Kanton Zürich heute rund 3%, eine vergleichsweise kleine Gruppe in der Berufsbildung. Die Tendenz aber steigt, was auf eine zunehmende Verankerung der Talentförderung im beruflichen Bildungssystem hinweist (Grafik 1). Im Zeitraum 2015 bis 2025 wurden 2’460 talentierte Lernende gefördert, sei es durch betriebsinterne Fördermassnahmen, die Teilnahme an regionalen und nationalen Wettbewerben oder ein Berufspraktikum im In- oder Ausland (Grafik 2).
Es gibt viele verschiedene Methoden, um Lernende im Betrieb oder extern zu fördern. Bei betriebsinternen Fördermassnahmen ist entscheidend, dass die Betriebe jene Instrumente auswählen und kombinieren, die als sinnvoll, wirksam und unmittelbar nutzbringend erachtet werden. Solche Massnahmen umfassen etwa die eigenständige Durchführung von Projekten, zum Beispiel das «Retro-Tuning einer Honda»[4], die Organisation von Anlässen, die temporäre Leitung einer «Lernendenfiliale» oder einer «eigenen Baustelle», die Übernahme von Teamverantwortung oder Mentoringprogramme. In solchen Formaten tragen Lernende zeitweise die Gesamtverantwortung und entwickeln unternehmerische Kompetenzen, begleitet durch gezielte Einführung in neue Aufgabenfelder. Dies ermöglicht einen praxisnahen und nachhaltigen Kompetenzaufbau, der unmittelbar im Arbeitsalltag wirksam wird.
Mit Mobilitätsprogrammen sind zeitlich begrenzte Praktika gemeint, zum Beispiel in einer anderen Niederlassung oder einem fremden Betrieb im In- und Ausland [5]. Dort wird auf die Entwicklung und Erweiterung der Fachkenntnisse gesetzt. Dabei lernen Auszubildende verschiedene (Unternehmens-)Kulturen und Sprachen aus erster Hand kennen. Sie stärken ihre beruflichen, persönlichen, sozialen und interkulturellen Kompetenzen und werden damit fit für die Arbeit.
An Wettbewerben setzen sich Lernende mit ihren Stärken und Schwächen auseinander und festigen ihre Alltagskompetenzen durch intensives Üben und Training. Dies kommt wiederum dem Lehrbetrieb in hohem Masse zugute. Bekannt sind die SwissSkills oder regionale Wettbewerbe für die Standortförderung.[6]
Für diese Beispiele von Fördermassnahmen werden die Lehrbetriebe mit einem Beitrag vom Berufsbildungsfonds des Kantons Zürich von 1’000 Franken pro lernende Person honoriert. Dieser Beitrag dient als Ausgleich für den entstehenden Mehraufwand, etwa für zusätzliche Materialkosten sowie für Personalkosten, insbesondere im Zusammenhang mit erhöhtem Betreuungsaufwand und der zeitweisen Abwesenheit der Lernenden im Betrieb. Ein zentrales Anliegen dabei ist, dass die Lernenden für die Teilnahme an den Fördermassnahmen keine Ferientage einsetzen müssen, sodass ihre Ausbildung ohne zusätzliche Belastung fortgeführt werden kann.
Evaluation des Programms
Die Bekanntheit des Programms ist bei der primären Zielgruppe (Lehrbetriebe, Berufsverbände) moderat, bei der sekundären Zielgruppe (Berufsfachschulen) hoch.
2024 gab das MBA der Pädagogischen Hochschule (PH) Zürich den Auftrag für eine Evaluation von «Talentförderung Plus». Ziel war es, die Wirkung des Programms zu untersuchen und eine evidenzbasierte Grundlage für die Weiterentwicklung zu schaffen.
Für die Evaluation gab das MBA drei Themenfelder vor:
- Blick in die Vergangenheit: Bekanntheit und Wirkung
- Blick in die Zukunft: Weiterentwicklung und Stärkung
- Angebotslandschaft in der ganzen Schweiz
Diese Themenfelder wurden mittels eines breiten Methodenmixes aus quantitativen und qualitativen Verfahren bearbeitet. Basierend auf den Ergebnissen hat die PH Zürich dem MBA Entwicklungsperspektiven und Massnahmen vorgeschlagen.[7] Nachfolgend werden einige beschrieben.
Bekanntheit. Die Bekanntheit des Programms ist bei der primären Zielgruppe (Lehrbetriebe, Berufsverbände) moderat, bei der sekundären Zielgruppe (Berufsfachschulen) hoch. Die Bekanntheit des Programms könnte durch folgende Massnahmen erhöht werden:
- auf der Webseite des MBA prominenter platzieren;
- die Berufsbildungsverantwortlichen durch Newsletter erreichen;
- die beteiligten Institutionen stärker in die Kommunikation einbinden und als Multiplikatoren nutzen, um (kleine) Lehrbetriebe zu erreichen und die Kooperation der Lernorte zu stärken.
Begriffsdefinition bzw. -schärfung. Für das Programm sollten die Begriffe «Talent» und «Talentförderung» definiert und geschärft werden. Die überarbeiteten Definitionen sollten auf Inhalt und Zweck des Programms abgestimmt, für die Zielgruppe verständlich und anschlussfähig an die wissenschaftliche Literatur sein.
Wirkung. Da talentierte Lernende je nach Berufsfeld unterschiedliche Förderbedürfnisse aufweisen, ermöglicht eine gezieltere Unterstützung eine höhere Wirksamkeit von Talentförderung Plus.
Stärkung und Erweiterung der Förderkategorien. Das Programm sieht bisher drei Förderkategorien vor. Von diesen drei Förderkategorien ist «Wettbewerb» am stärksten strukturiert, gefolgt von «Mobilität» und «interne Massnahme». Diese personenbezogenen Förderkategorien sollten vom MBA weitergeführt werden. Zudem sollte eine projektbezogene Förderkategorie ins Programm aufgenommen werden, um die Talentförderung längerfristig zu verankern. In diesem Rahmen könnten etwa folgende Aktivitäten unterstützt werden: Förderkonzept im Lehrbetrieb, Mentoring-Programme, Kooperationen zwischen Lehrbetrieben und Berufsfachschulen oder überbetrieblichen Kurszentren (Talentklasse, talentspezifische Freikurse) oder zwischen Lehrbetrieben.
Information und Beratung. Für das Programm sollten verschiedene Formate für Information und Beratung angeboten werden. Damit könnte das MBA den heterogeneren Bedürfnissen und Rahmenbedingen der Lehrbetriebe gerecht werden. Die Evaluation zeigt den Wunsch nach mehr Beratung und Begleitung, dem im Zuge der Weiterentwicklung durch den gezielten Ausbau entsprechender Formate Rechnung getragen wird – zum Beispiel mit Webinaren oder Workshops.
Kooperation. OdA und Berufsfachschulen sollten zukünftig aktiver als Kooperationspartner ins Programm eingebunden und als Multiplikatoren genutzt werden.
Plattform. Die Gestaltung der Webseite sollte entlang von Usability-Kriterien optimiert und vereinfacht werden. Die Inhalte der Plattform sollten basierend auf der zukünftigen Definition von «Talent» und «Talentförderung» sowie dem Zweck und Inhalt des Programms für die Zielgruppe angepasst werden.
Einzigartiges Angebot. Das Programm des Kantons Zürich ist einzigartig. Kein anderer Kanton in der Schweiz bietet ein vergleichbares Programm an, das alle Berufsfelder und drei Förderkategorien (interne Massnahmen, Wettbewerb, Mobilität) abdeckt.
Neuausrichtung des Programms
Zusätzlich zu den etablierten Kategorien wird die Kategorie «Förderprogramm» neu geschaffen. Sie ist ausgerichtet auf eine klare und nachhaltige Wirkung, indem Talentförderung strategisch im Betrieb etabliert wird – fachlich wie kulturell.
Die Evaluation liefert dem MBA praxisnahe Erkenntnisse und Impulse, um die Talentförderung mit klarem Fokus auf den Nutzen für Lehrbetriebe, OdA und Lernende zu stärken. Aufgrund der Evaluation entstand ein differenziertes Bild zur bisherigen Talentförderung. Nachfolgend wird die Neuausrichtung mit einigen Massnahmen beschrieben.
Etablierte Kategorien. Bewährt haben sich die Förderkategorien «betriebsinterne Massnahmen», «Mobilität» und «Wettbewerb». Diese werden beibehalten.
Neue Kategorie «Förderprogramm». Zusätzlich zu den etablierten Kategorien wird die Kategorie «Förderprogramm» neu geschaffen. Sie ist ausgerichtet auf eine klare und nachhaltige Wirkung, indem Talentförderung strategisch im Betrieb etabliert wird – fachlich wie kulturell. Die Verankerung durch das Förderprogramm dient der langfristigen Qualitätssicherung in der Ausbildung, fördert die Identifikation der Lernenden mit dem Unternehmen und unterstützt die Entwicklung einer zukunftsorientierten Ausbildungskultur. Neben der Qualifikation rücken auch Grundsätze und Werte der Ausbildung in den Fokus. Auf diese Weise erhalten Lehrbetriebe und OdA die Möglichkeit, eigene, langfristig angelegte Förderkonzepte zu entwickeln. Neben höheren Förderbeiträgen (Objektfinanzierung) steht zudem eine persönliche, praxisnahe Beratung durch das MBA zur Verfügung.
Webseite und Bekanntheit: Anpassung an neue Bedürfnisse. 2026 erhält «Talentförderung Plus» einen neuen digitalen Auftritt. Die Webseite wird als kantonales Angebot erkennbar sein. Inhaltlich rücken die Bedürfnisse der Praxis noch stärker ins Zentrum: Die überarbeitete Webseite wird kompakte, anwenderorientierte Informationen und Anleitungen und konkrete Unterstützungsangebote für Lehrbetriebe und OdA bieten.
Förderbeiträge und Vereinfachung der Antragstellung. Künftig wird der Zugang zu den Beiträgen vereinfacht. Alle Informationen und Antragsformulare sind auf der Webseite verfügbar. Der Förderbeitrag für Anträge im Rahmen der Subjektfinanzierung beträgt wie bisher maximal 1’000 CHF pro lernende Person. Für das «Förderprogramm» ist ein Beitrag zwischen 5’000 und 15’000 CHF vorgesehen, der individuell für den Aufwand für die Entwicklung und Umsetzung entschädigen soll.
«Mit «Talentförderung Plus» erhalten Lehrbetriebe nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch Beratung, Inspiration und ein kantonales Netzwerk.» Jonas Schudel, Auftraggeber Talentförderung Plus
Stärkung der Bekanntmachung und Vernetzung durch Kooperationen. Um «Talentförderung Plus» weiter zu verankern, wird weiterhin auf eine koordinierte Zusammenarbeit mit Berufsfachschulen, üK-Zentren und weiteren relevanten Partnern gesetzt. Diese Institutionen übernehmen eine Schlüsselrolle als Talentscouts und Multiplikatoren. Die Vernetzung stärkt die Zusammenarbeit der drei Lernorte und ermöglicht ein abgestimmtes Förderverständnis.
Zusammenfassung, Ausblick
«Talentförderung soll Teil der betrieblichen Ausbildungskultur werden – das stärkt die Attraktivität der kantonalen Berufsbildung», betont Jonas Schudel, Leiter Betriebliche Bildung MBA.
Das Programm «Talentförderung Plus» richtet sich künftig konsequent an den Bedürfnissen der Lehrbetriebe und OdA aus und rückt damit noch näher an die Praxis. Im Fokus stehen nachhaltige Fördermassnahmen innerhalb der drei bewährten Kategorien (betriebsinterne Massnahmen, Mobilität und Wettbewerb), ergänzt durch das neue Förderprogramm, das Firmen unterstützt, Talentförderung strategisch im Betrieb zu verankern. Gleichzeitig wird die Marke durch einen einfachen digitalen Zugang gestärkt. Zentrale Erfolgsfaktoren sind die enge Kooperation der drei Lernorte sowie die Zusammenarbeit mit dem kantonalen Berufsbildungsfonds für eine niederschwellige finanzielle Unterstützung.
Eine klare, verstärkte Kommunikation macht den konkreten Nutzen für Betriebe, Verbände und Lernende sichtbar und verankert Talentförderung als gemeinsamen Auftrag in der beruflichen Grundbildung. «Talentförderung soll Teil der betrieblichen Ausbildungskultur werden – das stärkt die Attraktivität der kantonalen Berufsbildung», betont Jonas Schudel, Leiter Betriebliche Bildung MBA. So wird Talentförderung zur gelebten gemeinsamen Verantwortung – als gezielte Investition in eine kleine, aber entscheidende Gruppe von Lernenden und als nachhaltiger Erfolgsfaktor für die Nachwuchsförderung.
[1] Talentförderung Plus. (11.03.2026) [2] Bundesamt für Statistik. Gesamtbestand der Lernenden nach Beruf, Lehrbetriebskanton, Ausbildungstyp, Ausbildungsform, Geschlecht und Jahr. (11.03.2026) [3] Stamm, M. (2009). Ein kluger Kopf allein reicht nicht. Panorama, 3/2009, 19–20. [4] Talentförderung Plus: Retro-Tuning einer Honda – Talentförderung Plus [5] Talentförderung Plus: Ein Supplement für Talente – Talentförderung Plus , Wien ruft: Majestätische Kreationen für grosse Empfänge – Talentförderung Plus, Auslandabenteuer in luftiger Höhe – Talentförderung Plus [6] Talentförderung Plus: Unter Strom an die SwissSkills 2025 – Teil 3 – Talentförderung Plus, Berufs-Talente im Rampenlicht – Talentförderung Plus [7] Ackermann, N., Dernbach, S., Heinecke, S. & Frais, M. (2024). Evaluation der Talentförderung in der beruflichen Grundbildung des Kantons Zürich: Standortbestimmung und Weiterentwicklung. Abschlussbericht der Pädagogischen Hochschule Zürich im Auftrag des Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich. Unveröffentlicht, Pädagogische Hochschule Zürich, Juni 2024.
Zitiervorschlag
Pelizzari, I. S. & Ackermann, N. (2026). Talentförderung als Teil der betrieblichen Ausbildungskultur. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11.


