Serie Berufsmaturität, Teil 4: Interdisziplinäres Arbeiten
Interdisziplinarität in der BM – ein ambitioniertes Projekt zwischen Anspruch und Realität
Flexibel und vernetzt denken und handeln: Das ist für Berufsleute und Studierende eine unverzichtbare Kompetenz. Deshalb soll Interdisziplinarität auch in der Berufsmaturität gezielt gefördert werden. Die aktuellen Rahmenbedingungen erschweren jedoch die Umsetzung eines echten und gewinnbringenden interdisziplinären Unterrichts.
Die heutige Arbeitswelt ist von einer hohen Komplexität und einem steten Wandel geprägt, weshalb angehende Berufsleute fähig sein müssen, flexibel und vernetzt zu denken und zu handeln. Die berufliche Grundbildung setzt daher vermehrt auf eine lernortübergreifende und nach Handlungskompetenzbereichen (HKB) organisierte Ausbildung. Innerhalb der dualen Ausbildungslandschaft bildet die allgemeinbildende und nach Disziplinen organisierte Berufsmaturität (BM) diesbezüglich eine Ausnahme. Jedoch sollen auch hier gezielt überfachliche Kompetenzen gefördert werden – unter anderem durch interdisziplinäre Gefässe, die im Folgenden vorgestellt werden.
Was bedeutet Interdisziplinarität in der BM?
Von Interdisziplinarität kann insbesondere dann gesprochen werden, wenn die Perspektiven, Methoden und Erkenntnisse verschiedener Fächer miteinander verknüpft und für die Bearbeitung einer gemeinsamen Frage- oder Problemstellung genutzt werden. Diese Fähigkeit zum vernetzten Denken ist nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch auf Tertiärstufe von grosser Bedeutung. Das interdisziplinäre Arbeiten leistet somit auch einen wichtigen Beitrag zur Studierfähigkeit von BM-Lernenden: «An höheren Fachschulen und Fachhochschulen werden unter anderem selbstständiges Arbeiten und Erarbeiten von Fachliteratur, Lese- und Schreibkompetenzen, das Verknüpfen verschiedener Fachinhalte, die Organisation eines Studiums, Sozial- und Kommunikationskompetenzen, Grundfertigkeiten im wissenschaftlichen Arbeiten sowie im Umgang mit KI und eine positive Arbeitshaltung vorausgesetzt» (Lauber, 2026).
Damit interdisziplinäres Arbeiten in der BM verbindlich umgesetzt wird, ist es im Rahmenlehrplan für die Berufsmaturität (RLP BM) verankert: «Ein gewisser Anteil des Berufsmaturitätsunterrichts und der Lernstunden sind dem interdisziplinären Arbeiten gewidmet» (SBFI, 2025a). Dazu sind zwei Gefässe vorgesehen: das «Interdisziplinäre Arbeiten in den Fächern» (IDAF) und die «Interdisziplinäre Projektarbeit» (IDPA). Sowohl das IDAF als auch die IDPA müssen in Bezug zur Arbeitswelt stehen und mehrere BM-Fächer involvieren (SBFI, 2025b).
Das IDAF dient als Vorbereitung auf die IDPA und ist in mehrjährigen BM-Bildungsgängen auf insgesamt mindestens sechs BM-Fächer und zwei Semester verteilt, mit zwei Noten pro Semester. Somit müssen grundsätzlich vier unabhängige IDAF-Einheiten durchgeführt und bewertet werden. Eine Ausnahme gilt für die einjährige Vollzeit-BM2: Hier läuft das IDAF über ein Schuljahr und die Erfahrungsnote basiert auf mindestens drei Einzelleistungen (SBFI, 2025b). Die konkrete Umsetzung des IDAF ist den Schulen überlassen. Diese legen fest, welche Fächer beteiligt sind, wie viele Lektionen dem IDAF gewidmet sind und welche Form die einzelnen IDAF-Projekte haben.
Für die grössere IDPA am Ende der Ausbildung stehen 40 Lektionen zur Verfügung. Das Endprodukt ist eine schriftliche Arbeit, eine kreative oder eine technische Produktion (SBFI, 2025b).
Wie setzen Schulen das interdisziplinäre Arbeiten in der BM um?
Am BBZ Biel-Bienne werden die BM-Ausrichtungen Technik, Architektur und Life Science (TALS) sowie Wirtschaft und Dienstleistungen, Typ Dienstleistungen (WDD) unterrichtet. Das IDAF ist hier so organisiert, dass bei der berufsbegleitenden BM1 vier IDAF-Projekte in jeweils zwei Fächern und Semestern über drei Lehrjahre hinweg realisiert werden. Auch bei der BM2 sind vier IDAF-Aufträge vorgesehen, wobei das ganze IDAF auf eine Woche komprimiert wird.
Bei beiden Modellen wird pro Jahrgang ein alltagsnahes Oberthema gewählt (z.B. Kleidung, Ernährung, Mobilität, Reisen). Alle vier IDAF beschäftigen sich mit diesem Thema und betrachten es aus verschiedenen Blickwinkeln, ein besonderer Fokus wird jeweils auf den Aspekt der Nachhaltigkeit gelegt. Sowohl die beteiligten Fächer wie auch der Zeitpunkt der Durchführung und die Aufträge sind vorgegeben. Die BM1-Klassen mit Ausrichtung TALS führen eine andere IDAF 3 durch als die BM1-Klassen mit Ausrichtung WDD. Bei allen anderen IDAF-Projekten sind die Aufträge für beide Ausrichtungen identisch. Bei der BM2 findet das IDAF in der Woche vor den Herbstferien statt, wobei pro IDAF lediglich ein Schultag eingeplant ist.

Umsetzung des «Interdisziplinären Arbeitens in den Fächern» (IDAF) am BBZ Biel-Bienne in vier Unterrichtseinheiten anhand eines alltagsnahen Oberthemas wie beispielsweise Ernährung.
Für die BM-Ausrichtung Wirtschaft und Dienstleistungen, Typ Wirtschaft WDW an der KBS Freiburg-EPC Fribourg wurde das interdisziplinäre Arbeiten im Zuge des neuen RLP BM (SBFI, 2025a) revidiert. Während die einzelnen IDAF-Projekte zuvor voneinander losgelöst waren, und zwar sicherlich indirekt, aber eben nicht direkt auf die anstehende IDPA und ein mögliches Fachhochschulstudium vorbereiteten, findet nun im Sinne eines zusammenhängenden Gesamtkonzepts ein gezielter Kompetenzaufbau statt. Zu Beginn wird den Lernenden das grundsätzliche Ziel des interdisziplinären Arbeitens anhand eines Dossiers vorgestellt. Zusätzlich erhalten sie ein individuelles digitales Kompetenzjournal, in dem sie während der Arbeit an den verschiedenen IDAF-Projekten ihre Haupterkenntnisse je Kompetenz festhalten. Dieses Kompetenzjournal gilt später als wichtige Stütze für die IDPA.
Durch dieses systematische Vorgehen erhalten die Lernenden die Möglichkeit, wichtige Kompetenzen wissenschaftlichen Arbeitens anhand verschiedener Projekte und in unterschiedlichen Fächern schrittweise zu erlernen. Jedes Projekt baut dabei auf den bereits erlernten Kompetenzen auf. In den mehrjährigen BM-Ausbildungsgängen sind in vier verschiedenen IDAF-Projekten alle acht BM-Fächer gleichermassen vertreten. In der einjährigen BM2-Vollzeit werden nur drei der vier IDAF-Projekte durchgeführt.

Systematischer Kompetenzaufbau für wissenschaftliches Arbeiten im Rahmen von vier Unterrichtseinheiten «Interdisziplinäres Arbeiten in den Fächern» (IDAF) an der KBS Freiburg-EPC Fribourg
Den Abschluss des interdisziplinären Arbeitens bildet die IDPA. Am BBZ Biel-Bienne hat diese die Form eines Projektes. Dabei setzen sich die BM-Lernenden in Gruppen von höchstens drei Personen mit einem Bereich auseinander, der sie persönlich interessiert und in welchem sie neue Erkenntnisse erzielen und neues Wissen erwerben möchten. Die BM-Lernenden der KBS Freiburg-EPC Fribourg entwickeln für ihre IDPA ein Marketingkonzept für ein eigenes Produkt, das sie im Rahmen einer Verkaufsaktion oder einem Kundenfeedback einem ersten Markttest unterziehen. An beiden Schulen arbeiten die BM-Lernenden während mehrerer Monate an diesen Projekten, die am Ende schriftlich abgegeben, präsentiert und in einem Fachgespräch diskutiert werden.
Welche Herausforderungen stellen sich bei der Umsetzung des interdisziplinären Arbeitens an BM-Schulen?
Organisation und Koordination: Die erste Schwierigkeit bei der Planung des interdisziplinären Arbeitens betrifft die Organisation und Koordination, denn im Prinzip ist das interdisziplinäre Arbeiten in der BM ein Fach ohne Stunden. Sowohl beim IDAF als auch bei der IDPA stellt sich deshalb die Frage, wie eine möglichst gute Verteilung der interdisziplinären Gefässe auf die verschiedenen Fächer und Lehrpersonen gewährleistet werden kann, ohne dass der Fachunterricht zu kurz kommt oder Lehrpersonen durch mehrere IDAF-Projekte überlastet sind (Lauber, 2026).
Die Vorgabe, dass insgesamt mindestens sechs unterschiedliche BM-Fächer am IDAF beteiligt sein müssen, ist insbesondere bei der Vollzeit-BM in zwei Semestern oft nur schwer umsetzbar. Dazu kommt, dass in einem tatsächlichen interdisziplinären Unterricht im Idealfall beide beteiligten Lehrpersonen anwesend sein sollten. Hier stehen sowohl stundenplantechnische als auch finanzielle Hürden im Weg.
Das BBZ Biel-Bienne begegnete den beschriebenen organisatorischen Herausforderungen in der Vergangenheit sowohl bei der BM1 als auch bei der BM2 mit einer IDAF-Projektwoche. In dieser Woche wurden alle IDAF-Leistungen auf einmal erbracht. Lernende und Lehrpersonen schätzten diese Art der Projektarbeit, bei der die vertiefte Auseinandersetzung mit einem kontroversen Thema im Zentrum stand und zahlreiche fachliche und überfachliche Kompetenzen erworben wurden. Da jedoch nur drei Fächer und drei Lehrpersonen beteiligt und die IDAF-Module entgegen den Vorgaben nicht auf mindestens zwei Semester verteilt waren, musste das Konzept für die BM1 auf Geheiss des SBFI überarbeitet werden. Dieses Beispiel zeigt, dass organisatorische Vorgaben in einem Spannungsverhältnis zu didaktisch überzeugenden Lösungen stehen und dazu führen können, dass ein Projekt, das inhaltlich gehaltvoll, motivierend und tatsächlich interdisziplinär war, aufgrund der formalen Anforderungen nicht weiter so umgesetzt werden kann.
Auch die KBS Freiburg-EPC Fribourg musste sich bei der Neuorganisation des interdisziplinären Arbeitens mit diversen organisatorischen Herausforderungen herumschlagen. In einer Schule, an der BM1, BM2 Vollzeit, BM2 Teilzeit (integriert in die BM2 Vollzeit-Klassen) und auch integrierte Bili-Angebote existieren, schien es zeitweise kaum möglich, ein funktionierendes und stimmiges Konzept zu finden. Beispielsweise mussten gewisse Fächerkombinationen von Vornherein ausgeschlossen werden, da BM2 Teilzeit-Lernende in einem Jahr nur die eine Hälfte der Fächer besuchen und im nächsten Jahr die Verbleibenden.
Konzeptionelle Herausforderungen: Ein weiterer Punkt sind die konzeptionellen Herausforderungen, die sich durch die Vorgaben aus der BMV (SBFI, 2025b) ergeben. Die jeweiligen IDAF- bzw. IDPA-Themen müssen einerseits in Bezug zur Arbeitswelt der Lernenden stehen und andererseits inhaltliche und methodische Aspekte mehrerer Fächer berücksichtigen. Es ist äusserst anspruchsvoll, verschiedene Fachperspektiven sinnvoll zu verknüpfen, eine geeignete interdisziplinäre Fragestellung zu entwickeln und auch noch den Berufsbezug zu berücksichtigen (Ghisla & Bausch, 2006).
In der Praxis fehlt deshalb nur allzu oft der Bezug zur Arbeitswelt oder aber die Themen und Fragestellungen sind nur scheinbar interdisziplinär, denn die Beteiligung mehrerer Fächer bedeutet nicht automatisch, dass auch interdisziplinär gearbeitet wird. Dies wird beispielsweise bei der Kombination mit Sprachfächern deutlich, bei denen die Interdisziplinarität oft lediglich durch die Verwendung einer Erst- oder Fremdsprache als Schrift- oder Sprechsprache formal hergestellt wird, aber keine tatsächliche Verknüpfung der Disziplinen stattfindet (Lauber, 2026).
Technische Entwicklungen wie KI: Schliesslich ergibt sich eine aktuelle Herausforderung durch die technischen Entwicklungen und neuen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz (KI). In diesem Zusammenhang stellen sich Fragen, wie KI genutzt werden darf, wie sie deklariert werden soll, welche Eigenleistung durch die Lernenden erfolgen muss und was im Plagiatsfall geschieht. Betroffen ist nicht nur das Endprodukt, sondern der gesamte Arbeitsprozess. Durch KI ist es heute nicht mehr möglich, allein anhand des Endprodukts zu beurteilen, welche Kompetenzen eine lernende Person tatsächlich erworben hat. Umso wichtiger werden regelmässige Zwischenbesprechungen, mündliche Reflexionen und Fachgespräche.
Interdisziplinarität in der BM als Chance: Warum bleibt sie noch zu oft eine Herausforderung?
Interdisziplinarität ist ein wichtiges Anliegen der BM und eine Chance für Lernende und Lehrpersonen. Der Austausch über fachliche Grenzen hinweg und eine interdisziplinäre Herangehensweise fördern wichtige Kompetenzen, die für Ausbildung, Beruf und Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Die aktuellen Rahmenbedingungen erschweren jedoch die Umsetzung eines echten und gewinnbringenden interdisziplinären Unterrichts. Auch die eigens für die BM geschaffenen interdisziplinären Gefässe IDAF und IDPA können ihr Potenzial aufgrund der anspruchsvollen formalen Vorgaben bislang nur teilweise entfalten.
Serie zur Berufsmaturität
Transfer publiziert eine vierteilige Serie zur Berufsmaturität:
Teil 2: Wer eine Berufsmaturität macht – und wer nicht (Irene Kriesi und Jürg Schweri), 22.9.2026
Teil 4: Interdisziplinarität in der BM – ein ambitioniertes Projekt zwischen Anspruch und Realität (Anina Lauber, Andrea Meier)
Literatur
Ackermann, N., Zehnder S. (2024). Didaktischer Leitfaden Portfolio: Orientierung und Anregung für den Lernort Schule am Beispiel der Berufsreform «Kaufleute 2023» (2. überarbeitete Auflage). Pädagogische Hochschule Zürich und 2B Berufe Bildung GmbH.
Berufsmaturitätsverordnung BMV (2025). Verordnung über die eidgenössische Berufsmaturität vom 13. Juni 2025. SR 412.103.1.
Caduff C., Mahler W., Plüss D. (2014). Unterrichten an Berufsfachschulen. Berufsmaturität. 2., überarbeitete, aktualisierte und erweiterte Auflage. Bern: hep-Verlag.
Caduff, C. (2018). Interdisziplinäres Arbeiten an der Berufsmaturitätsschule Winterthur. Projektbericht. Zürich: Pädagogische Hochschule Zürich.
Ghisla G., Bausch L. (2006). Interdisziplinarität: ein Mehrwert für die Disziplinen. In: Zeyer A,. Wyss M. (Hrsg.): Interdisziplinarität im Unterricht auf der Sekundarstufe II, S. 10-34. Bern, Zürich: hep, Pestalozzianum.
Lauber, A. (2026). Interdisziplinarität in der Berufsmaturität. In: Jöhr M., Lauber A., Meier A., Vonlanthen M. (Hrsg.): Berufsmaturität im Kontext der Schweizer Berufsbildung verstehen und gestalten, S. 185-200. Bern: hep.
SBFI, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2025a). Rahmenlehrplan für die Berufsmaturität. Bern: SBFI.
SBFI, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2025b). Verordnung über die eidgenössische Berufsmaturität. Online verfügbar unter: https://fedlex.admin.ch/eli/oc/2025/408/de [24.09.2026].
Zitiervorschlag
Meier, A. & Lauber, A. (2026). Interdisziplinarität in der BM – ein ambitioniertes Projekt zwischen Anspruch und Realität. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11.

