Themenreihe Berufsbildung 2026 der PH Zürich
Baustelle Handlungskompetenz: Vier Berufsreformen zwischen pädagogischem Anspruch und operativem Alltag
In der Schweizer Berufsbildung ist die Orientierung an Handlungskompetenzen mittlerweile unbestritten. Was vor zwanzig Jahren noch als gewagtes Experiment galt, ist unterdessen zum Standard geworden. Die Debatte hat sich vom «Ob» zum «Wie» verschoben – und hier zeigen sich komplexe Spannungsfelder. Das Zentrum Berufs- und Erwachsenenbildung der PH Zürich nutzt seine langjährige Erfahrung in der Begleitung solcher Reformprozesse, um diese Dynamiken im Rahmen der «Themenreihe Berufsbildung» zu reflektieren und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Wie ausgeprägt diese Spannungsfelder in der Praxis sind, wurde beim Auftakt der diesjährigen Veranstaltungsreihe deutlich. Am 19. März beleuchteten vier Referierende aktuelle Reformen im Detailhandel, in der Elektrobranche sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. Die von der PH Zürich und der Table Ronde berufsbildender Schulen organisierte Tagung stand unter der Leitung von Professor Markus Maurer (PHZH). Das Zentrum Berufs- und Erwachsenenbildung der PHZH bietet Beratung und Begleitung in Reform- und HKO-Umsetzungsprozessen für Bildungsinstitutionen an.
Die Diskussion über die unterschiedlichen Phasen des Wandels ermöglichte dabei einen direkten Vergleich, der die praktischen Hürden der Implementierung von Handlungskompetenzen greifbar machte.
Detailhandel und der Umbau bei voller Fahrt
Ein zentraler Konflikt zeigt sich bei den Lehrpersonen selbst: Während die einen die neue pädagogische Freiheit schätzen, sehnen sich andere nach klaren Leitplanken und Sicherheit.
Yves Lehmann, Prorektor an der Berufsschule für Detailhandel und Pharmazie Zürich (BSDPZ), kennt die Reform der Bildungserlasse im Detailhandel aus der Sicht der Betriebe und heute als Schulverantwortlicher. Die neue Bildungsverordnung ist seit 2022 in Kraft. Im Sommer 2025 fanden die ersten Abschlussprüfungen nach der neuen Logik statt. Damit ist der Detailhandel der am weitesten fortgeschrittene der vier vorgestellten Reformprozesse und liefert wertvolle Einsichten zu unerwarteten Hürden.
Ein zentraler Konflikt zeigt sich bei den Lehrpersonen selbst: Während die einen die neue pädagogische Freiheit schätzen, sehnen sich andere nach klaren Leitplanken und Sicherheit. Hier muss die Schulleitung Orientierung geben, auch wenn sie selbst nicht auf alles eine Antwort hat. Dieses Ringen ist typisch für grosse Reformprozesse. Besonders beim Qualifikationsverfahren (QV) klaffen Anspruch und Realität oft auseinander: Die kurzen mündlichen Prüfungen nach der HKO-Logik sind pädagogisch zwar wertvoll, organisatorisch aber schwer zu bewältigen. In einer für Bildungsreformen seltenen Konsequenz führte der Druck der Schulen dann dazu, dass das QV noch in der laufenden Prüfungsphase revidiert wurde.
Doch der Reformprozess beschäftigt sich nicht nur mit administrativen Anpassungen; er stösst auch neue Projekte an, die dabei helfen, das Silodenken zwischen den Lernorten zu überwinden. Statt wie früher isoliert voneinander zu agieren, rücken Schule, Betrieb und Kurse nun eng zusammen – sei es durch Unterricht direkt vor Ort im Geschäft oder durch Praxistage für Lehrpersonen. Dass diese engere Koordination Früchte trägt, zeigt die veränderte Dynamik: Angesichts des Fachkräftemangels gehen Betriebe mittlerweile immer aktiver auf die Schulen zu, um die gemeinsame Zusammenarbeit zu stärken.
Elektroberufe im Spagat
Die eigentliche Hürde bleibt laut Frei ohnehin der mentale Wandel: Der Rollenwechsel von der Wissensvermittlerin zur Lernbegleiterin ist tiefgreifend und längst noch nicht bei allen Beteiligten voll verinnerlicht.
Edgar Frei, Prorektor an der Technischen Berufsschule Zürich, bezeichnet die aktuelle Situation als Herkulesaufgabe: Im Sommer 2026 stellen drei Elektro-Grundbildungen sowie die Netzelektrikerinnen und -elektriker zeitgleich auf die neue HKO-Logik um. Dieser Systemwechsel erzwingt bis 2029 einen anspruchsvollen Spagat, da die Lehrpersonen im Parallelbetrieb mit unterschiedlichen Bildungsplänen, Prüfungen und Denkweisen arbeiten müssen.
Erschwerend kommt hinzu, dass zum Start keine verbindlichen Lehrmittel vorliegen und die Schulen diese unter hohem Aufwand selbst entwickeln müssen. Zwar bieten Lehrmittel gerade zu Beginn einer Reform wichtige Orientierung, doch ihre Steuerungswirkung nimmt erfahrungsgemäss ab, sobald Lehrpersonen Routinen entwickeln und sich fachlich unabhängig davon machen. Die eigentliche Hürde bleibt laut Frei ohnehin der mentale Wandel: Der Rollenwechsel von der Wissensvermittlerin zur Lernbegleiterin ist tiefgreifend und längst noch nicht bei allen Beteiligten voll verinnerlicht.
Fachperson Gesundheit zwischen breiter Basis und Spezialistentum
Mit jährlich rund 4’750 Abschlüssen ist die Fachperson Gesundheit eine Grösse in der Schweizer Bildungslandschaft. Entsprechend aufmerksam wird die für Januar 2027 geplante Totalrevision verfolgt, über die Jean-Michel Plattner von der OdASanté berichtete. Das Vorhaben liefert derzeit weit über die Fachkreise hinaus Gesprächsstoff.
Im Kern steht eine strategische Richtungsentscheidung zwischen einem breit gefächerten Ausbildungsprofil und der Spezialisierung. Während die OdASanté an einer umfassenden Grundausbildung festhält, um die Durchlässigkeit zwischen Spital, Langzeitpflege und Spitex zu wahren, fordern vor allem grosse Zentrumsspitäler mehr fachliche Tiefe durch gezielte Schwerpunkte. Verschärft werden diese Interessensgegensätze durch sprachregionale Unterschiede und historisch gewachsene Ausbildungskulturen. Die Aufgabe der Dachorganisation gleicht dabei einem diplomatischen Drahtseilakt. Es gilt, einen Bildungsplan zu entwerfen, der den Realitäten eines Universitätsspitals ebenso gerecht wird wie denen einer kleinen Spitex. Erfolg verspricht hier weniger die Suche nach dem einen, perfekten Konsens, sondern das Erreichen eines Konsents, einer Lösung also, die über alle Sprach- und Interessengrenzen hinweg keine schwerwiegenden Einwände mehr provoziert und das Projekt damit entscheidungsfähig macht.
Fachperson Betreuung vor historischer Weichenstellung
Fränzi Zimmerli von Savoirsocial beleuchtete die dynamische Entwicklung der Fachperson Betreuung, die sich als Berufsfeld mit rasantem Wachstum etabliert hat. Die zentrale Herausforderung liegt dabei im Erbe der Fachrichtungen: Die Bereiche Kinderbetreuung, Menschen mit Behinderung und Menschen im Alter existieren nach wie vor nebeneinander. Dieser Kompromiss aus dem Jahr 2002 war ursprünglich an das Versprechen geknüpft, bei der nächsten Revision zu entscheiden, ob man an den getrennten Fachrichtungen festhält oder zu einem einheitlichen, generalistischen Berufsmodell wechselt. Angesichts der massiven Dominanz der Kinderbetreuung steht diese Weichenstellung nun unter neuen Vorzeichen unmittelbar bevor.
Die Ergebnisse belegen, dass die Ausbildungsqualität einen direkten Einfluss darauf hat, wie lange Fachkräfte im Beruf verbleiben. Eine kompetenzorientierte Bildung kann den Fachkräftemangel somit entscheidend lindern.
Inzwischen hat sich das Gleichgewicht innerhalb des Berufsfelds massiv verschoben. Der Kita-Boom liess den Bereich der Kinderbetreuung explodieren, was die einstige Gewichtung der Branchen veränderte. Unabhängig von dieser Verschiebung zeigt eine aktuelle Laufbahnstudie jedoch einen vielversprechenden Weg zur Sicherung des Personals auf. Die Ergebnisse belegen, dass die Ausbildungsqualität einen direkten Einfluss darauf hat, wie lange Fachkräfte im Beruf verbleiben. Eine kompetenzorientierte Bildung kann den Fachkräftemangel somit entscheidend lindern, da sie die langfristige Bindung an das Berufsfeld oder die Fachrichtung nachhaltig stärkt.
Was alle Reformen verbindet
Trotz der Unterschiede zwischen den Berufen kristallisierten sich in der Abschlussrunde gemeinsame Muster heraus. Ein zentrales Thema bleibt die Steuerungsfrage: Da eine klare Hierarchie zwischen Bund, Kantonen, OdAs und Schulen fehlt, bestimmen oft zähe Verhandlungen das Geschehen. Rudolf Strahm, einer der Wegbereiter des aktuellen Berufsbildungsgesetzes und profilierter Verfechter des dualen Systems, warnte in diesem Zusammenhang vor einer Übersteuerung des Systems durch zu dichte Revisionszyklen.
Das Fazit des Abends ist deutlich: Handlungskompetenzorientierung ist kein Projekt mit festem Enddatum, sondern ein Prozess, der laufend Anpassung erfordert.
Offen bleibt zudem die Anschlussfähigkeit an die Höhere Berufsbildung. Es ist noch ungeklärt, ob die neue Prüfungskultur die Absolventen ausreichend auf die Anforderungen zum Beispiel der Höheren Fachschulen vorbereitet. Gleichzeitig macht sich aber auf der operativen Ebene bereits ein positiver Kulturwandel bemerkbar. Das Rollenverständnis wandelt sich grundlegend: Starre Hierarchien lösen sich auf, und Schulen werden zunehmend zu echten Partnern der Betriebe. Diese Entwicklung wird im Detailhandel bereits beispielhaft vorgelebt.
Das Fazit des Abends ist deutlich: Handlungskompetenzorientierung ist kein Projekt mit festem Enddatum, sondern ein Prozess, der laufend Anpassung erfordert. Ganz gleich, ob ein Berufsfeld bereits erste Erfahrungen sammelt, unmittelbar vor dem Startschuss steht oder noch mitten in der Konsensfindung steckt – alle stehen vor derselben grundlegenden Neuausrichtung. Wie Fränzi Zimmerli passend schloss, ist HKO kein Ziel, das man einmal erreicht, sondern eine Haltung, die man immer wieder neu einnehmen muss.
Die Präsentationen sind auf der Website der PHZH zugänglich.
Zitiervorschlag
Schneebeli, R. (2026). Baustelle Handlungskompetenz: Vier Berufsreformen zwischen pädagogischem Anspruch und operativem Alltag. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (6).
