Dieter Euler
Verändert sich durch die KI das Lernen?
Auf die Frage: «Was bleibt im Zeitalter von KI dem Menschen überlassen?» antwortet ChatGPT mit einer Reihe von Eigenschaften wie Emotion, Empathie, Moral, Verantwortung, Sinnsuche, Intuition, Beziehung und Dialog. – Eine Eigenschaft fehlt aber: Lernen! Dabei lässt auch es sich nicht durch eine Maschine ersetzen. Denn Lernen ist mehr als die Beschaffung von Informationen oder das durch die Anwendung von Informationen erworbene Wissen. Erst in einem subjektiv bedeutungsvollen Kontext werden Informationen zu Wissen, und erst in der Aneignung von Kompetenzen manifestiert sich Lernen.
Ob PC, das Internet, die sozialen Medien oder nunmehr die Ausprägungen von «Künstlicher Intelligenz (KI)» – wenn neue Technologien Einzug in die Bildungsinstitutionen halten, dann wird ihre Wirkung zumeist in Superlative gefasst: «Revolutionierung des Lernens», «Lernen ohne Grenzen» oder «Lernen personalisiert» sind hier nur einige solcher Kennzeichnungen.
Auch wenn die kurzfristigen Wirkungen technologischer Entwicklungen häufig überschätzt und die langfristigen Wirkungen unterschätzt werden – auch an der Berufsbildung ist die KI mit einigen ihrer Angebote nicht spurlos vorübergegangen. Oft erreichen die Entwicklungen die Schulen sozusagen durch die Hintertür, indem die Lernenden sie für ihre Zwecke aus eigener Initiative verwenden: Sie lassen sich von der KI Bücher zusammenfassen, Hausarbeiten erstellen und Essays schreiben, Prüfungsaufgaben lösen, Texte in eine andere Sprache übersetzen, Präsentationen entwickeln – die KI übernimmt viele Aufgaben, die Lernende bislang in zeitraubenden, anstrengenden Prozessen selbst bewältigen mussten.
Verändert sich durch die KI das Lernen? – Die Antwort ist ein «Nein, aber …!» Das Lernen selbst verändert sich nicht, wohl aber die Kontexte des Lernens.
Für das Verständnis dieser Antwort ist eine Unterscheidung der drei Kategorien Information, Wissen und Lernen hilfreich.
Für das Verständnis dieser Antwort ist eine Unterscheidung der drei Kategorien Information, Wissen und Lernen hilfreich. Informationen sind zunächst kontext- und bedeutungslos. So existieren beispielsweise unzählige Gebrauchsanleitungen für technische Geräte im Internet – Informationen, die für mich zunächst ohne Bedeutung sind. Die Gebrauchsanleitungen von WLAN-Routern werden für mich von der Information zum Wissen, wenn ich einen bestimmten Router erworben habe und ihn funktionsfähig machen möchte. Ich folge der Gebrauchsanleitung und kann bei Erfolg das verwendete Wissen wieder vergessen. Erst wenn ich das Wissen dauerhaft behalten und anwenden möchte, findet Lernen statt und das Wissen entwickelt sich zu einer Kompetenz. Dies wäre etwa dann der Fall, wenn ich das Wissen zur Einrichtung eines Routers beruflich häufiger benötige.
In diesem Sinne ermöglicht die Nutzung einer KI wie ChatGPT zunächst nur die Gewinnung von Informationen. Erst in einem subjektiv bedeutungsvollen Kontext werden Informationen zu Wissen, und erst in der Aneignung von Kompetenzen manifestiert sich Lernen. Die Schritte von der Information zum Lernen vollziehen sich aber nicht in den Chips einer KI, sondern erfordern die menschliche Intelligenz. In dem instruktiven Dialog zwischen drei Lehrpersonen in Folio 3/2025 kommt dies auf den Punkt: «Die Lernenden müssen erst lernen, dass die KI nicht das Lernen für sie übernehmen kann, sondern sie nur dabei unterstützt» (Nützi, Hammerer & Weber, 2025, 12).
Zugleich erfolgt die Erschliessung von Informationen mit Hilfe einer KI-Anwendung in einer neuen Weise. Ein KI-Programm wie ChatGPT generiert und strukturiert die Informationen in kurzer Zeit als «Fertigmenü». Die Antworten des Programms sind zumeist von denen eines Menschen nicht unterscheidbar. – Aber es bleibt die Antwort eines Programms, die der fragende Mensch sich zu eigen machen, modifizieren oder verwerfen kann. Erst im Umgang mit den Informationen beginnt der Wissens- und Lernprozess. Daran ändert auch die von KI-Visionären wie Ray Kurzweil in Aussicht gestellte Vorstellung nichts, das menschliche Gehirn durch Implantate direkt mit einem Computer zu verbinden und so das individuelle mit dem gespeicherten Weltwissen zu verschmelzen.
Lernen erfolgt demnach nicht durch KI, sondern unter bestimmten Voraussetzungen mit Unterstützung der KI.
Lernen erfolgt demnach nicht durch KI, sondern unter bestimmten Voraussetzungen mit Unterstützung der KI. Gelegentlich geben die Lernenden die von der KI generierten Informationen als ihre eigenen aus. Einige Energien richten sich nun auf die Frage, wie solche Täuschungen verhindert werden können. Viel wichtiger sind jedoch die beiden folgenden Fragen: 1. Wie können Aufgaben so gestaltet werden, dass sie mit Unterstützung der KI vertiefte Lernprozesse auslösen? 2. Welche Formen des Lernens können durch eine KI (noch) nicht unterstützt werden?
- Mit Unterstützung von KI zu bearbeitende Aufgaben sollten sich in ihrer didaktischen Zielsetzung verschieben von der Entwicklung abschliessender Antworten hin zur Bewertung der Antworten sowie der Diskussion von Lösungswegen. So könnte man zum Beispiel zu bestimmten Themen und Fragen von der KI kurze Texte schreiben lassen, die von den Lernenden analysiert, beurteilt und ggf. überarbeitet werden. Der Fokus läge dann weniger auf der Generierung von Antworten als auf der Quellenbewertung und dem kritischen Hinterfragen. In diesem Rahmen erhielten mündliche Formen von Austausch und Prüfung wieder einen höheren Stellenwert.
- KI ist primär auf die Generierung von Informationen gerichtet. Diese Informationen können den Rohstoff für das Lernen bilden. Lernen kommt jedoch nicht durch die Anhäufung von Informationen zustande, sondern durch deren Aneignung in kognitiven, emotionalen und sozialen Prozessen. Nachhaltiges Lernen entsteht, wenn bei der Bewältigung einer Aufgabe Hindernisse überwunden werden und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit entsteht. Bildhaft gesprochen: Es ist ein Unterschied, einen Berg selbst zu besteigen oder mit der Seilbahn zu fahren. Für viele Wege gibt es keine Seilbahn bzw. bietet die KI keine Antworten an. Auf die Frage: «Was bleibt im Zeitalter von KI dem Menschen überlassen?» antwortet ChatGPT mit einer Reihe von Eigenschaften wie Emotion, Empathie, Moral, Verantwortung, Sinnsuche, Intuition, Beziehung und Dialog. – Eine Eigenschaft fehlt dabei: Lernen!
Die Kolumne von Dieter Euler erschien zuerst in «Folio» des BCH.
Lesehinweis
- Nützi, Anja; Hammerer, Birgit & Weber, Patrick: Wie KI unser Berufsbild verändert. Folio 3/2025, S. 10-13.
Zitiervorschlag
Euler, D. (2026). Verändert sich durch die KI das Lernen?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (2).
