EHB-Projekt «Aufbau von Fremdsprachenkompetenzen an den Lernorten Betrieb und Berufsfachschule»
Was braucht es, damit Jugendliche in der Lehre eine Fremdsprache lernen?
Rund die Hälfte aller Lernenden in der Schweiz erwerben in der Berufsfachschule eine Fremdsprache. Manche Lernende sind in ihrem Betrieb mit Fremdsprachen konfrontiert, während andere nur die Landessprache sprechen. Für sie übernimmt die Berufsfachschule eine kompensatorische Funktion. Dabei werden Fremdsprachen nicht mehr primär als eigenes Fach verstanden, sondern als Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz. Aber wie gut bewältigen berufskundliche Lehrpersonen diese Aufgabe? Eine Studie der EHB zeigt Chancen und Schwierigkeiten.
Heute sehen rund 22 Prozent der beruflichen Grundbildungen einen obligatorischen Fremdsprachenunterricht vor – 14 Prozent waren es im Jahr 2010.
Wir leben und arbeiten in einer zunehmend vernetzten, mehrsprachigen Welt. Digitale Arbeitsmittel, internationale Lieferketten, Mobilität und Migration prägen längst auch den beruflichen Alltag von Lernenden in der Schweiz. Fremdsprachen sind dabei kein Sonderfall mehr, sondern Teil vieler beruflicher Situationen – mal sichtbar im direkten Kundenkontakt, mal beiläufig beim Lesen technischer Informationen oder im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen.
Entsprechend taucht die Frage nach Fremdsprachen in der Berufsbildung regelmässig auch auf politischer Ebene auf. Immer wieder wird an den Bundesrat herangetragen, wie der Zugang zu Fremdsprachenkompetenzen in der beruflichen Grundbildung gestärkt werden könne, zuletzt im parlamentarischen Vorstoss Munz. Diese Diskussionen spiegeln eine Entwicklung, die sich auch strukturell zeigt: Heute sehen rund 22 Prozent der beruflichen Grundbildungen einen obligatorischen Fremdsprachenunterricht vor – 14 Prozent waren es im Jahr 2010. Betrachtet man die Abschlüsse, kommt rund die Hälfte aller Lernenden während der Ausbildung mit obligatorischem Fremdsprachenunterricht in Kontakt; unter Einbezug der Berufsmaturität liegt der Anteil bei etwas über 50 Prozent.
Diese Entwicklung allein sagt jedoch wenig darüber aus, wie zugänglich und wirksam Fremdsprachenlernen für Lernende tatsächlich ist. Denn Fremdsprachenkompetenzen entstehen nicht allein durch formale Vorgaben, sondern durch die Art und Weise, wie sie im Unterricht, im Betrieb und im Zusammenspiel der Lernorte genutzt werden.
Warum diese Studie?
Das Projekt «Aufbau von Fremdsprachenkompetenzen an den Lernorten Betrieb und Berufsfachschule» setzt hier an. In einer qualitativen Untersuchung wurden Lernende, Berufsbildnerinnen sowie Lehrer aus vier Berufen, die sehr unterschiedliche sprachliche Anforderungen aufweisen, befragt – darunter Berufe mit regelmässigem Kundenkontakt, aber auch solche, in denen Fremdsprachen im Alltag kaum eine Rolle spielen. Ziel war es, Einblicke in die gelebte Praxis zu gewinnen: Wo kommen Fremdsprachen tatsächlich vor? Wie werden sie genutzt? Und was hilft den Lernenden, mit fremdsprachigen Situationen sicherer umzugehen?
Die Interviews wurden überwiegend in der Deutschschweiz geführt; ein Interview fand im Tessin statt. Entsprechend beziehen sich die Ergebnisse in erster Linie auf die deutschsprachige Schweiz. Gleichzeitig zeigen sich Muster, die über einzelne Regionen hinausweisen – etwa die Bedeutung realer Sprachhandlungen, die Rolle der Lernortkooperation oder die Herausforderungen für Lehrpersonen und Betriebe, in denen Fremdsprachen kaum Teil des Arbeitsalltags sind.
Fremdsprachen als Teil beruflicher Handlungskompetenz
Wenn Fremdsprachen als Teil von Handlungskompetenz aufgebaut werden sollen, stellt sich die Frage, wer diese Fremdsprachen unterrichtet.
Konzeptionell orientiert sich die Untersuchung an der Orientierungshilfe des SBFI zur Integration von Fremdsprachen in die berufliche Grundbildung. Diese markiert einen Paradigmenwechsel: Fremdsprachen werden nicht mehr primär als eigenes Fach verstanden, sondern als Bestandteil beruflicher Handlungskompetenz. Entscheidend ist nicht sprachliche Perfektion, sondern die Fähigkeit, konkrete berufliche Situationen funktional zu bewältigen.
Dieser Perspektivenwechsel betrifft nicht nur die Inhalte, sondern stellt auch die bisherige Arbeitsteilung in Frage. Wenn Fremdsprachen als Teil von Handlungskompetenz aufgebaut werden sollen, stellt sich die Frage, wer diese Fremdsprachen unterrichtet. Bleibt dies Aufgabe der klassischen Fremdsprachenlehrpersonen oder übernehmen Berufskenntnislehrpersonen diese Rolle im Rahmen ihres Fachunterrichts?
Die Interviews zeigen, dass genau hier eine zentrale Herausforderung liegt. Fremdsprachenlehrpersonen verfügen über sprachdidaktische Expertise, sind jedoch nicht immer mit den konkreten beruflichen Handlungssituationen vertraut. Berufskundliche Lehrpersonen kennen die berufliche Praxis sehr genau, fühlen sich jedoch häufig unsicher, wenn es um die gezielte Arbeit mit Fremdsprachen geht. Zudem wird beiden Fällen deutlich: Entscheidend ist weniger die formale Zuständigkeit als die Frage, unter welchen Bedingungen Lehrpersonen diese Aufgabe übernehmen können.
Dort, wo Lehrpersonen gezielt an einen funktionalen, handlungsorientierten Ansatz herangeführt werden, über passende Materialien verfügen und im Team arbeiten können, gelingt die Integration von Fremdsprachen deutlich besser. Weiterbildung, Zusammenarbeit zwischen Fach- und Sprachlehrpersonen sowie klare curriculare Zielsetzungen erweisen sich dabei als zentrale Gelingensbedingungen.
Aus Sicht der Lernenden wird dieser Unterschied sehr deutlich. Sie beschreiben Fremdsprachenlernen dann als sinnvoll und motivierend, wenn sie es mit konkreten beruflichen Situationen verknüpfen können.
Aus Sicht der Lernenden wird dieser Unterschied sehr deutlich. Sie beschreiben Fremdsprachenlernen dann als sinnvoll und motivierend, wenn sie es mit konkreten beruflichen Situationen verknüpfen können. Viele berichten, dass sie Hemmungen abbauen, sobald klar ist, was sie sagen sollen – und dass Fehler erlaubt sind. Gleichzeitig schildern Lernende Unsicherheit und Zurückhaltung, insbesondere in ungeplanten Situationen, in denen sie befürchten, sich sprachlich zu blamieren oder nicht ernst genommen zu werden.
Fremdsprachen werden von den Lernenden besonders dann als relevant wahrgenommen, wenn sie sowohl im beruflichen Kontext als auch darüber hinaus eine Rolle spielen. So verweisen die Lernenden neben beruflichen Anwendungssituationen auch auf ausserschulische und informelle Kontexte, in denen sie Fremdsprachen nutzen, etwa im digitalen Raum. Diese Erfahrungen bilden einen Teil ihres alltäglichen Umgangs mit Fremdsprachen und prägen, wie sie Lerngelegenheiten in Schule und Betrieb wahrnehmen.
Ungleiche Voraussetzungen – geteilte Verantwortung
Die Studie zeigt eine klare Ungleichverteilung. In international ausgerichteten Betrieben oder in touristischen Regionen gehören fremdsprachige Sprachhandlungen zum Alltag. In anderen Betrieben treten sie nur selten auf. Wo Betriebe kaum fremdsprachige Situationen bieten, übernimmt die Berufsfachschule eine zentrale Rolle. Sie muss Fremdsprachenlernen ermöglichen, auch wenn reale Anwendungsmöglichkeiten fehlen. Umgekehrt findet in Betrieben mit hohem Fremdsprachenanteil viel Lernen informell statt – oft ohne gezielte didaktische Begleitung.
Die Lernenden erleben so sehr unterschiedliche Lernrealitäten. Während einige regelmässig fremdsprachige Erfahrungen sammeln und dabei Sicherheit gewinnen, bleiben andere fast ausschliesslich auf schulische Lerngelegenheiten angewiesen. Lernende berichten, dass gerade ungeplante Situationen im Betrieb – ein spontanes Gespräch, ein Telefonanruf, eine Nachfrage – herausfordernd, aber auch besonders lernwirksam sind, sofern sie dabei unterstützt werden.
Schule und Betrieb kompensieren einander im Idealfall dort, wo der jeweils andere Lernort an strukturelle Grenzen stösst.
Gerade hier zeigt sich, dass Fremdsprachenlernen nicht dem Zufall überlassen werden sollte. Entscheidend ist nicht der Standort eines Betriebs, sondern ob Fremdsprachen im Ausbildungskontext bewusst ermöglicht und begleitet werden. Auch Betriebe mit wenig fremdsprachigem Alltag können Lerngelegenheiten schaffen, wenn sie dabei unterstützt werden – etwa durch einfache Materialien, klar umrissene Sprachhandlungen oder eine abgestimmte Zusammenarbeit mit der Berufsfachschule.
Nicht der Standort eines Betriebs entscheidet über den Fremdsprachenaufbau, sondern die Frage, ob Lerngelegenheiten bewusst ermöglicht werden.
Was sich aus den Empfehlungen lernen lässt
Besonders aufschlussreich sind die Empfehlungen, die sich aus den Interviews ableiten lassen. Sie zeigen Bedingungen, unter denen Fremdsprachenlernen gelingt.
Die Studie macht deutlich, dass es nicht darum geht, dass Lehrpersonen über ein besonders hohes Fremdsprachenniveau verfügen müssen. Entscheidend ist die didaktische Sicherheit im Umgang mit Fremdsprachen
Ein zentraler Punkt betrifft die Lehrpersonen. Die Studie macht deutlich, dass es nicht darum geht, dass Lehrpersonen über ein besonders hohes Fremdsprachenniveau verfügen müssen. Entscheidend ist die didaktische Sicherheit im Umgang mit Fremdsprachen: das Wissen, wie berufliche Sprachhandlungen aufgebaut, vereinfacht und begleitet werden können.
Nicht sprachliche Perfektion, sondern didaktische Sicherheit ist der Schlüssel für wirksamen Fremdsprachenunterricht bei den
Ein zweiter Punkt betrifft die Betriebe. Viele Betriebe sehen den Nutzen von Fremdsprachen für die berufliche Zukunft der Lernenden, integrieren sie aber kaum systematisch in den Alltag – insbesondere dort, wo sie nicht unmittelbar marktrelevant sind. Niedrigschwellige Hilfsmittel wie Fachwortlisten, Dialogbausteine oder einfache Übungsszenarien können helfen, Fremdsprachen auch ohne grossen Mehraufwand in die Ausbildung einzubetten.
Ein dritter Aspekt ist die Zusammenarbeit zwischen den Lernorten. Wo Berufsfachschulen und Betriebe ihre Erwartungen aufeinander abstimmen, wird Fremdsprachenlernen für Lernende nachvollziehbarer und weniger zufallsabhängig.
Eine offene bildungspolitische Frage
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine bildungspolitische Frage: Soll allen Lernenden der Zugang zu beruflich relevanten Fremdsprachenkompetenzen ermöglicht werden – und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?
Die Ergebnisse geben keine klare Antwort auf diese Frage, erlauben aber, tragfähige Rahmenbedingungen zu formulieren. Fremdsprachen entfalten dann Wirkung, wenn sie funktional gedacht, an berufliche und arbeitsweltliche Kontexte angebunden und lernortübergreifend abgestützt werden. Entscheidend ist dabei auch, dass die Lernenden Fremdsprachen als handhabbar erleben und erfahren, dass sie fremdsprachliche Situationen bewältigen können.
Fazit
Fremdsprachen sind dort bedeutsam, wo sie im beruflichen Alltag gebraucht werden – und herausfordernd dort, wo entsprechende Gelegenheiten fehlen.
Die Studie zeigt, dass Fremdsprachen in der Berufsbildung weder Randthema noch Selbstzweck sind. Sie sind dort bedeutsam, wo sie im beruflichen Alltag gebraucht werden – und herausfordernd dort, wo entsprechende Gelegenheiten fehlen. Aus Sicht der Lernenden wird Fremdsprachenlernen dann wirksam, wenn es Sinn stiftet, Sicherheit gibt, an reale berufliche Situationen anknüpft und
Ein nachhaltiger Fremdsprachenaufbau entsteht nicht durch formale Ausweitung, sondern dort, wo Lehrpersonen gezielt auf berufliche Sprachhandlungen vorbereitet werden, Betriebe beim Ermöglichen fremdsprachlicher Lerngelegenheiten unterstützt und Schule und Betrieb ihre Ziele aufeinander abstimmen. Damit liefert die Untersuchung keine einfachen Antworten, aber eine solide Grundlage für Praxis und Steuerung – und einen Beitrag zur Frage, wie Fremdsprachenlernen in der Berufsbildung wirksam gestaltet werden kann.
Literaturhinweise
- Bundesrat (2025). Sprachförderung an Berufsfachschulen. Bericht des Bundesrats in Erfüllung des Postulats 23.3694 Munz vom 14.06.2023. Bern.
- Elmiger, D. (Leitung), et al. (2023). Zweisprachiger Unterricht in der Schweiz. Kurzfassung (Forschungsstand und Beispiele). Freiburg/Fribourg: Institut für Mehrsprachigkeit. Abgerufen am 30.01.2026.
- Grin, F. (2024). Avantages du plurilinguisme en Suisse. Centre scientifique de compétence sur le plurilinguisme. Abgerufen am 30.01. 2026.
- Jonas, K., Lambert, C., & Barabasch, A. (2022). Bilingualen Unterricht in der Schweizer Berufsbildung umsetzen. In J. Robin & M. Zimmermann (Hrsg.), La didactique des langues (S. 123–143). Bern: Peter Lang. Abgerufen am 30.01.2026.
- Meier, G., & Styger, E. (2023). Mehrsprachigkeit in der gewerblich-industriellen Berufsbildung: Fallstudie aus der Ostschweiz und dem Fürstentum Liechtenstein. University of Exeter. Abgerufen am 30.01.2026
- SBFI – Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2023). Orientierungshilfe Integration von Fremdsprachen in die berufliche Grundbildung. Bern. Abgerufen am 30.01.2025.
Zitiervorschlag
Lambert, K. J. & Notter, P. (2026). Was braucht es, damit Jugendliche in der Lehre eine Fremdsprache lernen?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (3).

