Welche Publizistik braucht die Berufsbildung?
Noch nicht am Ziel
Vor genau zehn Jahren startete die SGAB einen Newsletter zur Berufsbildungsforschung – die heutige Fachzeitschrift Transfer. Seither wurden rund 1500 Texte publiziert, in der Regel längere Autorenbeiträge von Forschenden, die für Transfer verfasst wurden, aber auch Kurzhinweise. Finanziert durch das SBFI, hat sich die Zeitschrift zu einer unverzichtbaren Publikation entwickelt. Aber es wäre falsch, sich auf dem Erreichten auszuruhen: Eine Publizistik, die dem Anspruch gerecht werden will, einen Beitrag zur Entwicklung der Berufsbildung zu leisten, muss ihren Fokus weiter in Richtung Praxis öffnen.
Vor einigen Monaten lud die Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB) einige internationale Gäste ins Bundeshaus ein, die sich zu aktuellen Themen der Berufsbildung austauschten. Mit dabei war auch das SBFI, vertreten durch ihren Leiter Ressort Berufsbildungspolitik, Dani Duttweiler. Thema war, neben anderen, die Steuerung der Berufsbildung. Dazu sagte Duttweiler laut Bericht in Transfer: «Bei uns geschieht Innovation ganz stark bottom up. Die Frage ist, was es braucht, damit möglichst viele Beteiligte von erfolgreichen Beispielen erfahren und daraus lernen können.»
Man kann die zwei Sätze wie die Programmatik einer Publizistik zur Berufsbildung lesen. Natürlich geschehen Kommunikations- und Lernprozesse nicht nur über Medien, aber eben auch. So könnte man das, was Dani Duttweiler benennt, als einen Teil der DNA der Fachzeitschrift «Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis» verstehen. Die Publikation wurde vor genau zehn Jahren lanciert mit dem Ziel, einen Beitrag zur Valorisierung der Berufsbildungsforschung und zur Auseinandersetzung mit erfolgreichen Beispielen zu leisten. Es ist folgerichtig, dass das SBFI bereits nach zwei Jahren, 2018, beschloss, dieses Projekt, das damals schlicht «Newsletter» hiess, finanziell zu unterstützen – ja im Grunde zu ermöglichen.
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Wenn aber Innovation stark bottom up erfolgt, dann ist es nicht die Aufgabe der zentralen Instanzen, Macht und Autorität auszuüben; ihre Rolle besteht vielmehr darin, eine Vielzahl von eingebundenen Akteuren zu motivieren, ihre Fähigkeiten optimal zu nutzen und zur Teilnahme zu bewegen.
Es lohnt sich, die Feststellungen von Dani Duttweiler noch etwas zu vertiefen. Innovation geschient «ganz stark bottom up», sagt er. Damit beschreibt er das Selbstverständnis eines Amtes, das neben sich die Kantone und die Organisationen als starke Akteure weiss. Ihre Zuständigkeiten sind gesetzlich klar geregelt. Im Rahmen dieser Verbundpartnerschaft sind es insbesondere die Organisationen der Arbeitswelt, die die Bildungsinhalte festlegen und dafür sorgen, dass sich die Inhalte der Aus- und Weiterbildungen und die Anforderungen an die einzelnen Abschlüsse am künftigen Bedarf auf dem Arbeitsmarkt orientieren.
Wenn aber Innovation stark bottom up erfolgt, dann ist es nicht die Aufgabe der zentralen Instanzen, Macht und Autorität auszuüben; ihre Rolle besteht vielmehr darin, eine Vielzahl von eingebundenen Akteuren zu motivieren, ihre Fähigkeiten optimal zu nutzen und zur Teilnahme zu bewegen. Ohne diese Beteiligungskultur wäre die Schweizerische Berufsbildung nicht denkbar, sie charakterisiert diese Bildungsstufe. So erfolgt ein nicht unerheblicher Teil der Aktivitäten im Rahmen der Berufsbildung sogar auf ehrenamtlicher Basis, die Expertentätigkeit im Rahmen der Qualifikationsverfahren beispielsweise. Andere Aktivitäten mögen bezahlt sein – aber auch hier setzt man in der Berufsbildung auf Beteiligung, ob auf politisch‐strategischen Ebene, auf fachlich‐strategischer Ebene oder auf fachlich-operativer Ebene, wie im Expertenbericht zur systemischen Steuerung der Berufsbildung in der Schweiz differenziert wird.
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Berufsbildung hat also viele Köche. Das aber erfordert Transparenz, Informiertheit und Debatte – Tugenden, die der demokratischen Verfasstheit der Schweiz entsprechen.
Berufsbildung hat also viele Köche. Das aber erfordert Transparenz, Informiertheit und Debatte – Tugenden, die der demokratischen Verfasstheit der Schweiz entsprechen. So bildet die gegenseitige Wahrnehmung und Verständigung über Aufgaben und Problemstellungen der Partner in der verbundpartnerschaftlich organisierten Berufsbildung eine Grundlage für deren Erfolg. Die SGAB will dazu einen Beitrag leisten. Sie schlägt, wie es in ihren Statuten heisst, eine Brücke zwischen der Berufsbildungsforschung und den Akteuren der Berufsbildungspraxis. Diese Funktion nimmt sie wahr, indem sie Vernetzung fördert, Informationen zwischen den Akteuren verbreitet und Anlässe oder Tagungen organisiert. Neben den Tagungen ist die Fachzeitschrift Transfer ein geeignetes Mittel, damit «möglichst viele Beteiligte», wie Dani Duttweiler es einfordert, «von erfolgreichen Beispielen erfahren und daraus lernen können.»
Allerdings ist die Rolle, die Transfer bisher eingenommen hat, von Ausnahmen abgesehen, nur eine vermittelnde. Die Fachzeitschrift leistet zwar einen Beitrag zur Diffusion von Forschungsergebnissen, aber ein Medium des Diskurses ist sie nicht. Das hat auch mit den beschränkten Mitteln zu tun, die der Zeitschrift zur Verfügung stehen. Vor zwei Jahren entwickelte die Redaktion die Idee, nach der Publikation bestimmter Forschungsergebnisse Webinare anzubieten, also einen Begegnungs- und Verständigungsort zwischen den Forschenden und interessierten Personen aus der Bildungspraxis. Zur Realisierung kam es nicht, obwohl Vertreterinnen der Wissenschaft ihr hohes Interesse an einem solchen Austausch bekundet hatten. Ebenso ist die Zahl an Beiträgen über gute Praxismodelle eher bescheiden, weil die mit dem SBFI vertraglich festgelegte Zielsetzung primär in der Valorisierung von Ergebnissen der Berufsbildungsforschung besteht und nicht in der Aufarbeitung von Best Practices.
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Aber für die Entwicklung und Steuerung der Berufsbildung nützliche Hinweise ergeben sich nicht nur aus wissenschaftlichen Aktivitäten, sondern auch aus guten Beispielen, persönlichen Stellungnahmen, Diskussionen.
Gerade in diese Richtung sollte sich die Zeitschrift aber entwickeln. Sie sollte sich von der etwas einseitigen Ausrichtung an Beiträgen aus der Berufsbildungsforschung lösen und sich vermehrt Fragen der Bildungspraxis zuwenden, auch wenn diese nicht Gegenstand wissenschaftlicher Befunde sind. Das muss auch im Interesse des SBFI liegen. Sein Forschungskonzept Berufsbildung 2025–2028 definiert folgende Zielsetzungen von Berufsbildungsforschung:
- Die (Weiter-)Entwicklung der Berufsbildung basierend auf den Resultaten der Berufsbildungsforschung.
- Die evidenzbasierte Steuerung der Schweizer Berufsbildungspolitik mittels Erkenntnissen aus der Berufsbildungsforschung.
Aber für die Entwicklung und Steuerung der Berufsbildung nützliche Hinweise ergeben sich nicht nur aus wissenschaftlichen Aktivitäten, sondern auch aus guten Beispielen, persönlichen Stellungnahmen, Diskussionen.
Darüber hinaus sollte Transfer vermehrt versuchen, mehr zu leisten als den einseitigen Transport von wissenschaftlichen Ergebnissen. Dieter Euler und Peter Sloane haben vor einem halben Jahr in ihrem Beitrag «Transfer als unterstützte Rezeption des Neuen» dargelegt, dass eine Forschung, die daran interessiert ist, für die Praxis nützlich zu sein, sich nicht damit begnügen kann, ihre Ergebnisse nur mitzuteilen. Erforderlich seien vielmehr «zunehmend dialogische, partizipative und adaptive Transferstrategien». Transfer gelinge weder durch blosse Verbreitung von Ergebnissen noch durch top-down-Steuerung, sondern «durch kommunikativ moderierte Aushandlung». Leider nennen die beiden Autoren keine konkreten Beispiele für solche Verfahren. Aber vielleicht wäre die erwähnte Idee der Webinare ein Schritt in dieser Richtung. Ein anderer könnte sein, was Dani Duttweiler am erwähnten Anlass ins Spiel brachte. Er fragte die internationalen Gäste: «Gibt es bei euch ein Monitoring über Aktivitäten und Projekte?» In der Schweiz gibt es ein solches Monitoring nicht. Noch nicht? Vielleicht kann das eine weitere Aufgabe der SGAB werden.
Daniel Fleischmann wird pensioniert
Mit diesem Beitrag verabschiedet sich Daniel Fleischmann von der Leserschaft von Transfer. Er hat die Zeitschrift 2016 im Auftrag der SGAB aufgebaut und seither in verantwortlicher Stellung redigiert. Sein Nachfolger ist Timm Eugster.
Literatur
- Emmenegger, P., Seitzl L. (2019): Expertenbericht zur systemischen Steuerung der Berufsbildung in der Schweiz. Im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI). Universität St.Gallen
- SBFI (2024): Forschungskonzept Berufsbildung 2025–2028. Bern.
- Euler, D., Sloane P., (2025): Transfer als unterstützte Rezeption des Neuen. Einige transfertheoretische Überlegungen. bwp@ Ausgabe Nr. 49 | Dezember 2025
Zitiervorschlag
Fleischmann, D. (2026). Noch nicht am Ziel. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (9).
