Serie Berufsmaturität, Teil 3: Kompetenzorientierung im BM-Unterricht
Kompetenzorientiertes Lernen im BM-Unterricht – so gelingt der Balanceakt zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung
Für BM-Lehrpersonen stellt sich die Frage, ob sich ihr Unterricht möglichst eng an der beruflichen Praxis orientieren soll, oder ob er nicht eher dem allgemeinbildenden Anspruch gerecht werden müsste. Der Punkt ist: Er soll beides. Wie gelingt dieser Balanceakt? Und wie plant man kompetenzorientierten BM-Unterricht konkret? Dies zeigt der vorliegende Beitrag.
Wer über Kompetenzorientierung in der Berufsbildung spricht, gerät schnell in eine Grundsatzdiskussion. Die Auffassungen darüber, was kompetenzorientiertes Lernen ausmacht, variieren je nach Kontext stark. Die Berufsmaturität BM nimmt hier eine besondere Rolle ein: Sie bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Berufsbildung und Allgemeinbildung, denn sie bereitet Berufsleute auf weiterführende Studien vor (siehe dazu Teil 1 der Serie zur Berufsmaturität).
Laut Berufsmaturitätsverordnung BMV soll der berufliche und persönliche Erfahrungshorizont der Lernenden gezielt für den Aufbau neuer Wissensstrukturen und Kompetenzen genutzt werden. Für BM-Lehrpersonen stellt sich dabei die Frage, ob sich ihr Unterricht nun möglichst eng an der beruflichen Praxis orientieren soll, oder ob er nicht eher dem allgemeinbildenden Anspruch gerecht werden müsste. Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: beides.
Was bedeutet Kompetenzorientierung im BM-Unterricht?
Eine reine berufliche Handlungskompetenzorientierung, wie sie oft im berufskundlichen Unterricht gelebt wird, birgt für den BM-Unterricht die Gefahr, strukturierte Fachkenntnisse und den allgemeinbildenden Auftrag zu marginalisieren. Kompetenzorientierung in der BM heisst deshalb nicht einfach Praxisfokussierung. Ebenso wenig bedeutet sie, dass nur gelernt wird, was unmittelbar nützlich erscheint. Vielmehr geht es darum, Fachinhalte so zu bearbeiten, dass Lernende deren Sinn erkennen. Wissen wird also nicht als Selbstzweck vermittelt, sondern als Ressource zum Denken, Urteilen und Handeln in unterschiedlichen Situationen. Dieser Bedeutungsbezug kann gelingen, indem man alltägliche oder berufliche Bezüge herstellt und somit die Relevanz der Inhalte aufzeigt.
Sammelband im hep Verlag: Die Berufsmaturität verstehen und gestalten

Eine ausführliche Version dieses Beitrags findet sich in einem vom hep Verlag im Mai 2026 herausgegebenen Sammelband. Dieser zeigt auf, wie die Berufsmaturität in der Schweiz entstanden ist, wie sie im Bildungssystem verankert und ausgestaltet ist und wie sie sich weiterentwickeln lässt. Er richtet sich insbesondere an Lehrpersonen in Ausbildung, Berufsmaturitäts-Lehrpersonen und Bildungsfachleute.
Nehmen wir das BM-Fach Geschichte und Politik und das Thema «Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg.» Die Thematik mag auf den ersten Blick als herausfordernd für kompetenzorientierten Unterricht erscheinen. Sicherlich wird sie nicht deshalb unterrichtet, weil eine Lernende oder ein Lernender bald im Betrieb mit einer entsprechenden Situation konfrontiert sein könnte. Historische Bildung ist aber grundlegend, um gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen, politische Entscheidungen zu beurteilen, gegenwärtige Debatten einzuordnen und eine eigene Meinung zu entwickeln. Sinnhaftigkeit liegt hier gerade darin, die Gegenwart aus einer historischen Distanz heraus besser zu verstehen und in einer Diskussion den eigenen Standpunkt kompetent zu vertreten. Sinnhaftigkeit bedeutet also nicht: «Das kann ich morgen im Betrieb gebrauchen.» Sie bedeutet vielmehr, dass Lernende erkennen, warum ein Lerngegenstand für ihr Denken, ihre Orientierung und ihr Handeln und bedeutsam sein kann.
Wie sieht ein kompetenzorientierter BM-Unterricht aus?
Unser Lernprozessmodell für eine kompetenzorientierte Unterrichtseinheit an der BM umfasst sechs Schritte, die nach Bedarf kombiniert oder in ihrer Reihenfolge variiert werden können: Lernziel klären, Situation einführen, Grundlagen aufbauen, üben und transferieren, die Ausgangssituation bewältigen sowie den Lernprozess reflektieren. Es nimmt dabei Bezug auf das AVIVA-Modell (siehe dazu Städeli et al., 2010).

Lernprozessmodell für eine kompetenzorientierte Unterrichtseinheit an der BM (Meier & Vonlanthen, 2026, S. 157)
Als Ausgangspunkt für die Planung der Unterrichtseinheit dienen die auf dem Rahmenlehrplan für die Berufsmaturität RLP BM basierenden schulinternen Fachlehrpläne sowie die Bildungspläne BiPla der in der Klasse vertretenen EFZ-Berufe. Der Lehrplan bildet dabei die inhaltliche Grundlage, während die verschiedenen Bildungspläne eine berufliche Kontextualisierung ermöglichen. Die passende Verknüpfung von Fachinhalten und beruflichen Situationen ist dabei die durchaus herausfordernde Aufgabe der BM-Lehrpersonen. Die Grundidee einer solchen Unterrichtseinheit wird hier an einem Beispiel aus dem Englischunterricht erläutert. Dieses wird so mit BM1-Lernenden der Ausrichtung Wirtschaft und Dienstleistungen, Typ Wirtschaft, durchgeführt. Es kann aber auf alle Ausrichtungen übertragen werden.
Das kompetenzorientierte Lernziel für die gesamte Unterrichtseinheit lautet: “With the help of an individualised checklist, you are able to speak about your personality, skills, professional experience, motivation and career goals in order to communicate confidently and professionally in a job interview.” Beim kompetenzorientierten Lernziel wird nicht nur die Frage nach dem «Was» beantwortet, also «Was sollen die Lernenden am Ende des Lernprozesses können?», sondern eben auch das «Wie» und «Wozu», also «Wie erlangen sie diese Kompetenz?» und «Wozu soll die Kompetenz erlangt werden?». Diese Fragen helfen, Unterricht nicht allein vom Stoff her zu planen. Sie zwingen die Lehrperson dazu, sich vorgängig zu überlegen, was Lernende mit den erworbenen Kenntnissen tatsächlich anfangen können. Ein kompetenzorientiertes Lernziel schafft damit Orientierung und Sinnhaftigkeit und fördert einen zielgerichteten, kompetenzorientierten Lernprozess.
Eine zum Lernziel passende Handlungssituation schafft für die Lernenden einen konkreten Kontext und aktiviert ihr Vorwissen. In unserem Fall könnte diese lauten: “You are in the final year of your commercial apprenticeship and would like to gain some work experience abroad. You have been invited to a job interview for your dream job in England.” Die Lernenden haben sich bereits in der Vergangenheit für eine Lehrstelle beworben und können deshalb von dieser Erfahrung berichten. Ausserdem ist es wahrscheinlich, dass sie sich im letzten Ausbildungsjahr mit Bewerbungsverfahren und vielleicht sogar mit der Möglichkeit eines Auslandaufenthalts beschäftigen, wodurch der Lernstoff aus Sicht der Lernenden weiter an Bedeutung gewinnt.
Der Einbezug einer solchen Handlungssituationen schliesst den Aufbau von fachsystematischem Wissen nicht aus, im Gegenteil: Die Lernenden bringen zunächst ihr Vorwissen und ihre Erfahrungen ein, anschliessend werden neue Fachkenntnisse aufgebaut, geübt und nach Möglichkeit auf weitere Situationen übertragen. In dieser Verbindung gelingt es, nachhaltige Lernprozesse zu gestalten. In unserem Fall haben die Lernenden mit grosser Wahrscheinlichkeit noch Entwicklungspotenzial, was die Struktur sowie die sprachlichen Eigenheiten eines solchen Gesprächs betrifft. Ausserdem können Aspekte wie professionelles Auftreten und Verhalten vertieft werden. In der Aufbau- und Grundlagenphase werden deshalb gezielt diese verschiedenen Aspekte behandelt. Dazu werden Beispiele von Bewerbungsgesprächen analysiert und allgemeingültige, wie auch für jede Person spezifische Gesprächsbausteine, erarbeitet. Damit die neuen Inhalte nicht verlorengehen, werden sie auf einer von der Lehrperson zur Verfügung gestellten Checkliste festgehalten (siehe vereinfachte Version unten). Diese Checkliste dient als Lerninstrument und wird von jeder Person eigenständig ausgefüllt. Sie bildet eine Strukturierungshilfe für die nachfolgende Übungs- und Transferphase, in welcher die Lernenden in Rollenspielen verschiedene Bewerbungsgespräche durchführen.

Vereinfachtes Beispiel einer Checkliste, auf der Lernende ihre spezifischen Gesprächsbausteine festhalten.
Wie geht Prüfen im kompetenzorientierten BM-Unterricht?
Wer im Unterricht Kompetenzen aufbauen möchte, muss also bereits bei der Planung einer Unterrichtseinheit mitdenken, wie diese Kompetenzen später sichtbar und überprüfbar werden.
Kompetenzorientierter Unterricht kann und soll nicht bei der Lernphase aufhören. Wenn Lernende im Unterricht neue Kenntnisse in komplexen Situationen anwenden, anschliessend aber nur zu isoliertem Faktenwissen abgefragt werden, entsteht ein Widerspruch. Deshalb soll auf eine Kongruenz zwischen Lern- und Prüfphase geachtet werden: Lernziele, Lehr-Lern-Aktivitäten und Prüfungen müssen zusammenpassen. Wer im Unterricht Kompetenzen aufbauen möchte, muss also bereits bei der Planung einer Unterrichtseinheit mitdenken, wie diese Kompetenzen später sichtbar und überprüfbar werden. Wichtig ist: Die Prüfung darf die Lernphase nicht ersetzen. Lernende brauchen erst echte Lernphasen, in denen sie ausprobieren, Fehler machen, üben, Fragen stellen und ihr Wissen vertiefen können, bevor sie dazu summativ geprüft werden.
Aufbauend auf dem vorherigen Beispiel aus dem Englischunterricht könnte in Form einer mündlichen Prüfung ein Vorstellungsgespräch simuliert werden. Dabei übernimmt die Lehrperson die Rolle der Personalverantwortlichen und die Lernenden versuchen durch Inhalt, Sprache und Auftreten zu überzeugen. Im Ergänzungsfach Technik und Umwelt wäre eine Möglichkeit, dass Lernende eine Nachhaltigkeitsanalyse zu ihrem Lehrbetrieb durchführen und präsentieren. Im Schwerpunktfach Wirtschaft und Recht könnten Lernende im Teilgebiet Unternehmungsmodell eine eigene Geschäftsidee entwickeln, kritisch analysieren und vorstellen.
Was ist unser Fazit zur Kompetenzorientierung in der BM?
Kompetenzorientierung in der BM ist ein didaktischer Ansatz, der Lernenden hilft, Wissen mit ihren Erfahrungen zu verknüpfen und auf neue Situationen zu übertragen.
Kompetenzorientierung in der BM ist ein didaktischer Ansatz, der Lernenden hilft, Wissen mit ihren Erfahrungen zu verknüpfen und auf neue Situationen zu übertragen. Sie ist eine Chance für sinnstiftenden Unterricht, birgt aber gleichermassen Herausforderungen. Beispielsweise ist es nicht in allen Fächern und Lerngebieten gleich einfach, Anknüpfungspunkte und Situation zu finden. Ausserdem sind BM-Klassen oft beruflich heterogen zusammengesetzt: Was für Lernende aus dem Dienstleistungssektor relevant ist, muss für eine Mediamatikerin oder einen Koch noch lange nicht bedeutsam sein. Nicht zuletzt besteht die Gefahr, Kompetenzorientierung mit einer Geringschätzung von Fachwissen zu verwechseln. Genau hier ist Vorsicht geboten. Wer Kompetenzen entwickeln möchte, braucht fachliche Grundlagen. Die Berufsmaturität sollte weder zur reinen Berufspraxis noch zur Wissensschule werden. Ihr besonderer Wert liegt gerade in der Verbindung beider Perspektiven. Oder pointiert formuliert: So viel Kontext- und Anwendungsorientierung wie sinnvoll, aber nicht auf Kosten von Fachsystematik, Allgemeinbildung und Horizonterweiterung.
Folgende Punkte scheinen uns besonders relevant bei der Planung eines kompetenzorientierten Unterrichts in der BM:
- Erstens: Fachwissen ernst nehmen. Kompetenzorientierung funktioniert nicht ohne fachliche Grundlagen.
- Zweitens: Erfahrungen der Lernenden systematisch nutzen. Diese können aus dem Beruf kommen, müssen aber nicht.
- Drittens: Lernziele so formulieren, dass klar wird, was, wie und wozu die Lernenden etwas können sollen.
- Viertens: Den Lernenden geeignete Lerninstrumente zur Bewältigung anspruchsvoller Aufgaben zur Verfügung stellen.
- Fünftens: Lernaufgaben einsetzen, die zum Denken, Anwenden, Begründen und Transfer anregen, statt nur zur Reproduktion von Wissen.
- Sechstens: Lernen und Prüfen aufeinander abstimmen. Wer Kompetenzorientierung im Unterricht fordert, muss sie auch in der Leistungsbeurteilung berücksichtigen.
Serie zur Berufsmaturität
Transfer publiziert eine vierteilige Serie zur Berufsmaturität:
Teil 2: Wer eine Berufsmaturität macht – und wer nicht (Irene Kriesi und Jürg Schweri), 22.9.2026
Teil 3: Kompetenzorientiertes Lernen im BM-Unterricht – so gelingt der Balanceakt zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung (Andrea Meier, Martin Vonlanthen), 20.10.2026
Teil 4: Interdisziplinarität in der BM – ein ambitioniertes Projekt zwischen Anspruch und Realität (Anina Lauber, Andrea Meier, im Newsletter vom 17. November)
Literatur
Meier, A. & Vonlanthen, M. (2026). Kompetenzorientiertes Lernen im BM-Unterricht. In M. Jöhr, A. Lauber, A. Meier & M. Vonlanthen (Hrsg.), Berufsmaturität im Kontext der Schweizer Berufsbildung verstehen und gestalten (S. 149-168). Bern: hep.
Meier, A. (2026). Kompetenzorientiertes Prüfen im BM-Unterricht. In M. Jöhr, A. Lauber, A. Meier & M. Vonlanthen (Hrsg.), Berufsmaturität im Kontext der Schweizer Berufsbildung verstehen und gestalten (S. 169-184). Bern: hep.
Schmuki, D. (2022). Kern der kompetenzorientierten Situationsdidaktik – Wissen instrumental nutzen am Beispiel des ABU-Unterrichts. In: G. Ghisla, E. Boldrini, C. Gremion, F. Merlini & E. Wüthrich (Hrsg.). Didaktik und Situationen. Ansätze und Erfahrungen für die Berufsbildung (S. 99–106). Bern: hep.
Städeli, C., Grassi, A. Rhiner, K. & Obrist, W. (2010). Kompetenzorientiert unterrichten. Das AVIVA-Modell. Bern: hep.
SBFI, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2025). Rahmenlehrplan für die Berufsmaturität. Bern: SBFI.
SBFI, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (2025). Verordnung über die eidgenössische Berufsmaturität. Online verfügbar unter: https://fedlex.admin.ch/eli/oc/2025/408/de [24.09.2026].
Zitiervorschlag
Meier, A. & Vonlanthen, M. (2026). Kompetenzorientiertes Lernen im BM-Unterricht – so gelingt der Balanceakt zwischen Allgemeinbildung und Berufsbildung. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11.

