Berufsbildung in Forschung und Praxis
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Herbsttagung der SGAB zum Thema Gesundheit als Schlüssel in der Berufsbildung

Gesundheit entsteht im Ausbildungsalltag

Die Mehrheit der Schweizer Jugendlichen in einer Berufslehre kennt psychische Probleme aus eigener Erfahrung. Gleichzeitig stärkt eine qualitativ gute Lehre junge Menschen, ermöglicht persönliches Wachstum und wirtschaftlichen Erfolg. Impulse aus Forschung und Praxis für gesunde Lernende standen im Zentrum der Herbsttagung der Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung SGAB, die gemeinsam mit der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, der Gesundheitsförderung Schweiz und der Suva durchgeführt wurde.


Das Thema zieht. Mehr als 200 Interessierte reisten am Montagmorgen, 26. Oktober nach Olten – aus dem Emmental, aus Zug und sogar aus Hamburg. Sie sind als Berufsfachschullehrer oder Berufsbildnerinnen sehr unmittelbar mit psychischen oder physischen Problemen von jungen Menschen konfrontiert. Oder sie sind schlicht interessiert an Forschungsstand und guten Praxisbeispielen zum Thema. Und, ganz wichtig, wie Tanja Manser, Direktorin der Hochschule für Angewandte Psychologie der FHNW, in ihrer Begrüssung betonte: «Wir wollen einen Raum für Austausch und gegenseitige Inspiration schaffen.» Damit man konkrete Impulse mitnehmen kann, «um im Berufsalltag genauer hinzuschauen, auch mutiger nachzufragen und Dinge auszuprobieren.»

«Raum für Austausch und gegenseitige Inspiration»: Tanja Manser, Direktorin der Hochschule für Angewandte Psychologie der FHNW

Hans Jörg Rüegsegger, Co-Präsident der SGAB und Nationalrat (SVP, BE), dankte allen, die tagtäglich Lernende begleiten: «Diese Dynamik in der Lehrzeit, die fürs Leben prägt, das ist einfach einmalig.» Er erlebe das tagtäglich in seinem Landwirtschaftsbetrieb: «Wir haben die Lernenden 24 Stunden bei uns, am Tisch, zum Schlafen, teils in der Freizeit.» Der Blick in den Saal zeige ihm: «Unser Berufsbildungssystem macht Freude und begeistert.»

Unser Berufsbildungssystem macht Freude und begeistert»: Hans Jörg Rüegsegger, Co-Präsident SGAB

Psychische Probleme nehmen zu – und sie mindern Chancen

Gleichzeitig gibt es an diesem sensiblen Übergang von der Schule in die berufliche Grundbildung und in den Arbeitsmarkt ein wachsendes Problem. Darauf machte Markus P. Neuenschwander, Professor und Leiter des Zentrums Lernen und Sozialisation am Institut Forschung und Entwicklung der PH FHNW, in seiner Keynote aufmerksam: Der Anteil Jugendlicher, die einen Abschluss auf Sekundarstufe II erreichen, ist in den vergangenen Jahren auf rund 90 Prozent gesunken. Damit ist die Lücke zum erklärten Ziel der EDK von 95 Prozent gewachsen. Ohne Lehrabschluss oder weiterführende Schule aber steige das Risko für Arbeitslosigkeit und Sozialhilfeabhängigkeit. Ein Grund für diese Entwicklung, vermutet Neuenschwander, liege in der Zunahme von psychischen Problemen bei Jugendlichen seit 2018. Wobei vor allem die sogenannt internalisierenden Probleme wie depressive Symptome und Angst zugenommen hätten. Externalisierende Probleme wie Aggression, Hyperaktivität, Gewalt und Delinquenz, die ebenfalls einen psychischen Hintergrund haben können, hätten laut den verfügbaren Daten hingegen nicht wesentlich zugenommen. Sie seien aber nach wie vor Gründe für Lehrvertragsauflösungen.

«Psychische Probleme stärker in den Fokus nehmen»: Markus P. Neuenschwander

Psychische Probleme verminderten bereits die Chance, überhaupt eine berufliche Grundbildung zu beginnen, wie Neuenschwander mit eigener Forschung unterlegte. So gewichteten Berufsbildende bei der Selektion Selbst- und Sozialkompetenzen und die unentschuldigten Absenzen gemäss ihren eigenen Angaben höher als Zeugnisnoten. Und die eigene Trail-Studie mit rund 1400 Lernenden aus Sonder- und Realschulen der Deutschschweiz und Romandie habe gezeigt, dass internalisierende psychische Probleme und Migrationshintergrund die Chance, nach der 9. Klasse direkt eine Lehre antreten zu können, am stärksten verminderten. «Schulleistungen in Mathematik und Lesen und externalisierende Verhaltensprobleme beeinflussen die Chancen auf einen Direktübertritt hingegen nicht signifikant», betonte Neuenschwander. Für ihn ist klar: «Wir müssen die internalisierenden psychischen Probleme stärker in den Fokus nehmen – schon in der Volksschule, aber ganz wesentlich auch in der Berufslehre.»

Die Betriebe könnten und müssten diese Herausforderungen nicht alleine lösen, sondern im Verbund mit der Schule, mit externen Fachstellen, mit den Eltern und natürlich mit den Lernenden selber. Eine gute Beziehung zu den Lernenden zu pflegen, konstruktive Rückmeldungen im Arbeitsalltag zu geben, den Arbeitsalltag zu strukturieren, das könne man aber auch im Alltag ohne grosse Zusatzinvestitionen tun.

Zur Präsentation der Keynote von Markus P. Neuenschwander

Früherkennung über regelmässige Gespräche: Andreas Krause

Himmeltraurig – oder mega schön?

61 Prozent der Lernenden kennen psychische Probleme aus eigener Erfahrung: Dies zeigten Niklas Baer, fachlicher Leiter und GL-Mitglied bei der WorkMed AG, und Andreas Krause, Co-Leiter am Institut für Mentale und Organisationale Gesundheit der Hochschule für Angewandte Psychologie FHNW, in ihrer Keynote. Die Auswertung von mehr als 44000 Rückmeldungen von Lernenden im Rahmen der Workmed-Studie von 2025 zeige auch bei psychiatrischen Screening-Fragen noch Werte von 40 Prozent für mittelschwere bis schwere Depressivität oder 25 Prozent für mittelschwere bis schwere generalisierte Angststörungen. «Himmeltraurig», so Baer – «aber das ist eben nicht die ganze Wahrheit.»

Denn gleichzeitig sagen 80 Prozent der Lernenden, es gehe ihnen eher bis sehr gut in der Lehre und sie seien erfolgreich unterwegs, 85 Prozent sind stolz, in ihrem Lehrbetrieb zu arbeiten und finden es spannend in der Lehre, gar 90 Prozent haben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. «Das ist doch gewaltig, mega schön!», so Baer: «Und es ist genau die Aufgabe der Berufsbildung, dieses Erleben zu fördern.» Überwiegende Mehrheiten berichten denn auch von persönlichem Wachstum während der Lehre: sie schätzen sich als verantwortungsbewusster ein, bleiben eher dran, können eigene Fehler besser zugeben, sind motivierter – «das ist psychische Gesundheit». Psychische Probleme – solange sie nicht sehr gravierend seien – gehörten eben auch zu einem gesunden Leben und verhinderten positive Entwicklung und Leistung nicht, betonte Baer. Resilienz zeige sich darin, dass mehr als die Hälfte der Befragten schon daran gedacht hätten, die Lehre abzubrechen, es aber nicht taten, weil sie nicht aufgeben wollten und andere an sie glaubten.

«Psychische Probleme verhindern positive Entwicklung und Leistung nicht»: Niklas Baer

Gesunde Lernorte fördern Entwicklung

Hier zeige sich, wie entscheidend Beziehungen seien für persönliches Wachstum und Entwicklung: Ein unterstützendes Team und eine angenehme Arbeitsatmosphäre sind laut der Workmed-Studie wichtige Gründe, weshalb Lernende ihren Lehrbetrieb weiterempfehlen. Auch Berufsstolz, das Erleben von Sinnhaftigkeit und Selbstwirksamkeit und die Unterstützung durch Berufsbildende und Lehrpersonen stärkten Jugendliche. Umgekehrt könnten Überforderung, ungerechte Behandlung, übermässige Kritik und mangelnde Unterstützung die Situation verschärfen – «da gibt es haarsträubende Beispiele», so Baer.

Betriebe unterstützen ist mindestens so wichtig wie Therapieplätze

Die Medien fokussierten zu einseitig auf psychische Probleme der Jugendlichen und lange Wartezeiten für Therapieplätze, kritisierte Baer: «Die finanziellen Mittel dürfen nicht nur in die Gesundheitsversorgung fliessen, mindestens so wichtig ist es, die Ausbildungsbetriebe zu unterstützen, damit sie Lernende noch besser begleiten können.»

Wie dies konkret gehen kann, erläuterte Andreas Krause am Beispiel eines Früherkennungsprozesses über regelmässige Gespräche zwischen Berufsbildenden und Lernenden.

Zur Präsentation von Niklas Baer und Andreas Krause

In sieben Workshops stand der gegenseitige Austausch im Zentrum

Konkrete Impulse aus sieben Workshops

In den Workshops am Vor- und Nachmittag wurden die Teilnehmenden selber aktiv:

  • Bei Claudia Allemann von der Sozialberatung am BBZ Olten tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus, wie reagiert werden soll, wenn Lernende zu spät kommen oder sich die Noten verschlechtern. Fazit: Vorschnelle eigene Annahmen und Urteile unterbinden, erst mal das Gespräch suchen und aktiv, offen und empathisch zuhören (zur Präsentation).
  • Wie die HSG St. Gallen mit einem umfassenden Ansatz die körperliche, soziale und psychische Gesundheit ihrer Lernenden fördert, erfuhren die Teilnehmenden bei Monja Wiegandt und Prisca Hollenstein – gefolgt von einem Erfahrungsaustausch (zur Präsentation).
  • Bei Samuel de Monaco von der Gesundheitsförderung Schweiz konnte man Wirkungsmodelle und Werkzeugkisten mit alltagstauglichen Impulsen für gesündere Lernende kennenlernen (zur Präsentation).
  • Bei Flavia Glanzmann von RADIX Gesunde Schulen erprobten die Teilnehmenden selbst, wie Bewegung im Unterricht wirkt (zur Präsentation).
  • Wie Stress und Ängste dazu führen, dass überdurchschnittlich viele Berufslernende Nikotinprodukte konsumieren und wie Prävention wirkt, erfuhren die Teilnehmenden bei Jana Affolter und Salome Kurth von der Lungenliga Schweiz (zur Präsentation).
  • Wie Arbeitssicherheit in einem Gartenbauunternehmen gelingt, erklärte Ruben Häfeli, Ausbildungsverantwortlicher Hodel & Partner AG an einem Workshop gemeinsam mit Caroline Marfurt von der Suva. Auch hier gilt laut Häfeli: «Wir können unseren Lernenden tausendmal erklären, wie man sicher arbeitet. Entscheidend ist, wie wir es ihnen jeden Tag vorleben.» (Zur Präsentation).
  • Im grossen Saal schliesslich berichtete Varna Ringgenberg, Leiterin Lernendenwesen, von ihren Erfahrungen bei der Luftwaffe (zur Präsentation). Niklas Baer zeigte sich beeindruckt von diesem «Mix aus einem reglementierten militärischen Rahmen, der Orientierung und Sicherheit gibt, und einem sorgfältigen, menschlichen Umgang miteinander», wie er im Podium zum Abschluss der Tagung berichtete.

Podiumsdiskussion mit Markus P. Neuenschwander, Andrea Stoker, Andreas Krause und Niklas Bear unter der Leitung von Helen Alt (Mitte).

Lehrbetriebe tragen Verantwortung – aber sie sind keine Therapieeinrichtungen

Unter der Leitung von Helen Alt zogen die Keynote-Speaker Markus Neuenschwander, Andreas Krause und Niklas Baer sowie Andrea Stocker von der Suva Bilanz. Man war sich einig, dass Lehrbetriebe zwar keinen Therapieauftrag hätten, aber sehr viel zur psychischen Gesundheit ihrer Lernenden beitragen, wenn sie schlicht ihren Ausbildungsauftrag gut machten: Wenn Lernende die Erfahrung machten, dass sie gefordert, aber auch unterstützt und dabei täglich besser werden, dann mache das stolz und stärke die psychische Gesundheit. Eine zentrale Rolle komme hier den Berufsbildenden zu, die von ihren Betrieben allerdings oft nicht genügend Zeitressourcen erhielten – und teils auch zusätzliche Impulse und Weiterbildungen für ihre anspruchsvolle Aufgabe benötigten.

Save the date:

Nächste SGAB-Tagung am 15. März 2027 an der PH Zürich von 12.30 bis 17.00: Drei Lernorte, ein Ziel? Lernortkooperation in der Berufsbildung

Zitiervorschlag

Eugster, T. (2026). Gesundheit entsteht im Ausbildungsalltag. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11.

https://doi.org/10.64829/16386

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