Befragung von 2'500 Jugendlichen in zwei Kantonen
Worauf Jugendliche bei ihrer ersten Berufswahl achten
Was macht einen Beruf für Jugendliche attraktiv? Eine neue Umfrage der Universität St.Gallen zeigt: Nicht eine kurze Ausbildungsdauer oder die Grösse des Betriebs stehen im Vordergrund, sondern das Arbeitsklima, Entwicklungsperspektiven und die Vereinbarkeit des Berufs mit dem Privatleben.
Die Schweizer Berufslandschaft ist heute stark vom technologischen und demografischen Wandel geprägt. Das vermindert die Planungssicherheit der Lehrbetriebe, die zudem mit einem Fachkräftemangel konfrontiert sind (Bonoli & Emmenegger 2022). In gewissen Branchen ist es schwierig geworden, passende Lernende zu finden; zudem werden die Jugendlichen stärker hinsichtlich ihrer Passung und Zukunftsfähigkeit hinterfragt (Wilson & Bajka 2025). Das wirkt sich auf die individuelle Berufswahl aus. Jugendliche treffen ihre erste Berufsentscheidung zunehmend in einem Umfeld, das von Unsicherheit, höheren Erwartungen und steigender Selektivität geprägt ist. So berichtete die «Rundschau» (15.10.2025), dass immer häufiger bereits für Schnupperlehren ein ausführliches Bewerbungsdossier verlangt wird (SRF 2025a). In einer Zeit, in der die Lebenszufriedenheit der Jugend zurückgeht und der Druck der Lehrstellensuche die mentale Gesundheit tangiert, sollte ein besonderes Augenmerk auf die berufsbildende Situation der Jugendlichen gelegt werden (NZZ 2025; Tagesanzeiger 2025; SRF 2025b).
Trotz der individuellen und gesellschaftlichen Tragweite der ersten Berufswahl hat die Forschung verhältnismässig spät begonnen, diese systematisch zu untersuchen. Welche berufliche Aspirationen Jugendliche haben, ist schon länger Forschungsgegenstand (Kriesi & Basler 2020; OECD 2025). Weniger gut erforscht ist, welche beruflichen Merkmale Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren bei ihren Entscheidungen als attraktiv bewerten (Bajka et al. 2025). Vor diesem Hintergrund ist es nicht nur aus wissenschaftlicher, sondern auch aus praktischer Sicht zentral zu verstehen, worauf Jugendliche bei ihrer ersten Berufswahl achten und was einen Beruf für sie attraktiv macht.
Wie treffen heutzutage Jugendliche ihre ersten beruflichen Entscheidungen? Welche Berufsmerkmale sind für sie massgebend? Um diese Fragen zu beantworten, hat ein Team der Universität St. Gallen eine Umfrage unter 2’500 Schülerinnen und Schülern der 8. Klassen aus den Kantonen St. Gallen und Luzern durchgeführt (Infobox). Zur Erfassung beruflicher Präferenzen wurden den Jugendlichen verschiedene Eigenschaften von Berufen, welche als Entscheidungsgrundlage dienen könnten, vorgelegt. Diese Berufsmerkmale wurden nach ihrer Wichtigkeit auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet, wobei 1 für «völlig unwichtig» und 5 für «absolut wichtig» steht. Die Ergebnisse der Befragung werden in den Abbildungen 1 und 2 zusammengefasst. Ergänzend werden in der Wortwolke (Abbildung 3) Assoziationen deskriptiv dargestellt. Insgesamt zeigen die Resultate, dass Jugendliche ausgesprochen differenziert über Berufe nachdenken und diese nicht nur als Erwerbstätigkeit verstehen, sondern auch mit langfristiger Lebens- und Karriereplanung verbinden.
Infobox zur Umfrage
Unter der Leitung von Prof. Dr. Patrick Emmenegger und Prof. Dr. Sabine Seufert hat ein Team der Universität St. Gallen (Dr. des. Scherwin M. Bajka und Dr. Michael Burkhard) rund 2’500 Schülerinnen und Schüler (8. Klasse) in den Kantonen St. Gallen und Luzern von Oktober bis Dezember befragt. Die standardisierte Online-Befragung beinhaltete offene und geschlossene Fragen und diente unter anderem dem Zweck der Erfassung von Berufspräferenzen, Entscheidungsfaktoren sowie beruflichen Grundeinstellungen, um die zentralsten Kriterien für die Berufswahl vor Eintritt in die berufliche Grundbildung zu ermitteln.
Welche Merkmale des Arbeitsumfelds beeinflussen die Berufswahl?
Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Muster (Abbildung 1). Soziale Qualität im Betrieb ist einer der stärksten attraktivitätsfördernden Berufsmerkmale. Für 88% der Jugendlichen ist eine sympathische vorgesetzte Person «eher» oder «absolut wichtig». Ebenso nennen 79% den Kontakt zu Mitarbeitenden als wichtig. Diese Werte sind bemerkenswert, weil sie zeigen, dass Jugendliche den Berufsalltag nicht primär über formale Merkmale beurteilen, sondern über die erlebte Zusammenarbeit und Beziehungskultur.
Eine weitere Priorität ergibt sich aus der Work-Life-Orientierung. 75% wünschen sich einen Beruf, der genügend Zeit für die zukünftige Familie lässt. Fragen der Vereinbarkeit sind also bereits bei der ersten Berufsentscheidung zentral, und zwar für Mädchen und Jungen gleichermassen. Besonders deutlich ist zudem die Bedeutung von Entwicklungsmöglichkeiten. 74% halten es für wichtig, sich später weiterbilden zu können. Das unterstreicht eine Karrieresichtweise, die in der Schweizer Berufsbildung zunehmend sichtbar wird. Die Lehre wird als Einstieg in eine längere Lernbiografie verstanden und weniger als eine fixe einmalige Entscheidung. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Berufsmaturität, die nicht nur Lehrstellen aus Sicht der Jugendlichen attraktiver macht, sondern zugleich auch systemisch zur Sicherung der Berufsbildung in der Schweiz beigetragen hat (Emmenegger et al. 2023). Allerdings soll das Leben nicht nur aus Arbeit bestehen. Neben der Familie soll auch genug Zeit für Hobbies bleiben (71%).
Neben dem Arbeitsklima fallen Stabilität und verlässliche Rahmenbedingungen stark ins Gewicht. 64% finden geregelte Arbeitszeiten wichtig, und 61% wünschen sich, in wirtschaftlichen Krisenzeiten relativ sicher vor Entlassung zu sein. 59% ist es wichtig, gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Auch hier zeigt sich ein realistischer längerfristiger Blick auf die Arbeitswelt. Jugendliche wollen einen Beruf, der Perspektiven eröffnet, aber zugleich Schutz und Orientierung in unsicheren Zeiten bietet. Ferner ist der Ruf des Unternehmens relevant für Jugendliche (58%).
Finanzielle Motive sind vorhanden, dominieren aber nicht. 49% sagen, dass es ihnen wichtig sei, schnell eigenes Geld zu verdienen. Dieser Wert ist relevant, bleibt jedoch klar hinter sozialen, entwicklungsbezogenen und arbeitsorganisatorischen Kriterien zurück. Für 43% ist eine kurze Pendeldistanz wichtig. Dies ist gegeben dem Alter der Befragten nachvollziehbar. Weiter ist es 40% wichtig, einen ungefährlichen Beruf auszuüben.
Auffällig ist auch, was weniger zählt. Nur 10% halten eine kurze Ausbildungsdauer für wichtig. Auch die Unternehmensgrösse überzeugt kaum als Attraktivitätsargument. Für Betriebe bedeutet dies, dass die Unternehmensstruktur weniger entscheidend ist als die Qualität der Ausbildung und des Arbeitsumfelds.
Welche Arbeitsweisen und Berufsinhalte bevorzugen Jugendliche?
Fragt man nach den inhaltlichen Gründen der Berufswahl, verdichtet sich das Bild zu einer klaren Erwartung an Arbeitsweisen und -inhalte (Abbildung 2). 80% finden abwechslungsreiche Tätigkeiten wichtig. 79% möchten beruflich erfolgreich sein und 76% möchten ihren Verstand im Beruf voll einsetzen können. Trotz der grossen Bedeutung der Work-Life-Orientierung sind die Jugendlichen von heute keineswegs unambitioniert. Auch der Wunsch nach Verantwortung ist ausgeprägt. 67% finden verantwortungsvolle Aufgaben wichtig und 63% wollen sich neuen Herausforderungen stellen. Gleichzeitig wünschen sich viele Autonomie. Rund die Hälfte der Befragten möchte die Arbeit selbstständig planen können.
Bei den inhaltlichen Berufsmerkmalen tritt eine soziale Dimension deutlich hervor. Für 49% ist es relevant, anderen Menschen zu helfen. Erfolg, Zukunftsfähigkeit und Sinn werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern bestehen nebeneinander. 40% der Jugendlichen wünschen sich einen Beruf, der es ihnen erlaubt, später unternehmerisch tätig zu sein. Ein stark technikorientiertes Berufsideal zeigt sich nicht automatisch. Häufig mit Computern zu arbeiten, ist nur für 30% ein wichtiges Merkmal. Neuste Erkenntnisse aus der Forschung zeigen, dass der Informatikbezug eines Berufs einen signifikanten Teil der geschlechtstypischen Berufswahl erklärt (Bajka et al. 2025). In der Tat bezeichnen in der Umfrage nur 19% der weiblichen Befragten es als wichtig, häufig mit dem Computer zu arbeiten, während der Anteil bei den männlichen Befragten bei 41% liegt. Des Weiteren ist es für einen ähnlich grossen Anteil der Jugendlichen (27%) wichtig, sich kreativ verwirklichen zu können. Insgesamt deutet dies darauf hin, dass die Jugendlichen nicht besonders einseitig sozial- oder technikorientiert sind. Weiteren 26% ist es wichtig, einen Beruf ohne körperliche Anstrengungen auszuüben, während 59% beim Arbeiten sauber bleiben wollen. Hier bestehen womöglich Erwartungen, die nicht immer mit der realen Arbeitswelt in Einklang zu bringen sind.
Die Orientierung an familialen Vorbildern spielt nach Selbstangaben kaum eine Rolle. Für lediglich 13% ist der Berufswunsch der Eltern wichtig, und nur 7% möchten den gleichen Beruf wie ihre Eltern ausüben. Eltern spielen zwar eine zentrale Rolle im Berufswahlprozess ihrer Kinder. Aber es zeigt sich, dass Jugendliche nicht zwingend die Berufe ihrer Eltern übernehmen wollen. Damit liegt die Funktion der Eltern in der Beratung eher in einer interessenbezogenen Unterstützung als in einer auf ihren Erfahrungen basierenden Festlegung des Berufs.
Ergänzend zu Abbildungen 1 und 2 zeigt die Wortwolke in Abbildung 3 sehr deutlich, welche spontanen Assoziationen Jugendliche mit attraktiven Berufen verbinden. Sie wurden hierzu offen gefragt: «Was macht deiner Meinung nach einen Beruf attraktiv?» Im Zentrum dieser Assoziationen stehen «abwechslungsreiche Tätigkeiten» und «Spass» an der Arbeit. Zwei Begriffe, die auf ein starkes Bedürfnis nach intrinsischer Motivation, Sinn und Alltagserlebnis hinweisen. Gleichzeitig ist der Lohn sehr prominent vertreten. Dies zeigt, dass attraktive Berufe für Jugendliche auch eine gewisse materielle Anerkennung beinhalten. Auffällig ist zudem die starke Präsenz sozialer Aspekte wie Team, Teamarbeit und Kontakt. Ein Beruf soll nicht isolieren, sondern Zugehörigkeit, gute Zusammenarbeit und positive Beziehungen ermöglichen. Das Durchdringen dieser sozialen Komponente deckt sich mit den zuvor geschilderten Umfrageergebnissen zu den Berufsinhalten. Ergänzt wird dieses Bild durch Hinweise auf gute Arbeitszeiten, was die Bedeutung von Planbarkeit und Vereinbarkeit nochmals unterstreicht. Insgesamt spiegelt die Wortwolke damit wider, dass Jugendliche Attraktivität primär mit Abwechslung, gutem sozialen Klima, fairer Entlohnung und alltagstauglichen Arbeitsbedingungen und weniger mit Status oder Familientradition verbinden.
Implikationen für Lehrbetriebe
Die Ergebnisse legen nahe, dass Berufe dann attraktiv sind, wenn der Alltag stimmt. Jugendliche reagieren stark auf erlebte Führung, Teamkultur, Lernmöglichkeiten und Planbarkeit. Wer mit glaubwürdigen Weiterbildungsmöglichkeiten, guter Betreuung, realistischen Einblicken und einer wertschätzenden Arbeitsatmosphäre wirbt, adressiert genau die Kriterien, die für die Mehrheit entscheidend sind. Umgekehrt sollten Unternehmen vorsichtig sein, wenn sie ihre Attraktivität primär über kurze Ausbildungszeiten, Firmengrösse oder rein finanzielle Argumente kommunizieren. Die Daten legen nahe, dass solche Faktoren für Jugendliche heute nicht zentral sind.
Insgesamt zeigt die Befragung ein differenziertes Bild einer Jugendgeneration, die Berufe gleichzeitig als Sicherheitsanker, sozialen Raum und Möglichkeit persönlicher Entfaltung begreift. Die Ergebnisse verdeutlichen die Notwendigkeit, dass Betriebe ihre Arbeitskultur, die Qualität der Betreuung, die sozialen Strukturen und die realen Arbeitsbedingungen sichtbar machen. Jugendliche reagieren auf Wertschätzung, klare Strukturen und ein respektvolles Umfeld. Damit sind nicht mehr nur Lohn oder Karriereperspektiven ausschlaggebend, sondern auch die soziale Erfahrung, die ein Beruf verspricht. Für die Berufsbildungspraxis bedeutet dies, dass Einblicke in reale Arbeitswelten, authentische Begegnungen mit Lernenden und transparente Kommunikation über Arbeitsbedingungen zentrale Elemente der Nachwuchsgewinnung sind. Das ist eine gute Nachricht für die Schweizer Berufsbildung, denn viele dieser Erwartungen lassen sich im Rahmen der beruflichen Grundbildung verwirklichen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn Betriebe die eigene Lehre nicht nur als Gegenmittel gegen den hausinternen Fachkräftemangel, sondern auch als persönlichen Entwicklungsraum verstehen.
Fazit
Die Umfrageergebnisse zeichnen ein konsistentes Bild davon, wie Jugendliche in der Schweiz Attraktivität und Passung eines ersten Berufs verstehen. Statt sich primär von formalen Merkmalen wie Ausbildungsdauer, Unternehmensgrösse oder rein monetären Anreizen leiten zu lassen, orientieren sie sich an einer breiteren Qualitätslogik. Entscheidend sind ein positives Arbeitsumfeld, verlässliche Rahmenbedingungen, Entwicklungsperspektiven und ein Beruf, der sich mit dem eigenen Lebensentwurf vereinbaren lässt. Diese Präferenzen lassen darauf schliessen, dass Jugendliche die Lehre nicht nur als Einstieg in die Arbeitswelt sehen, sondern als sozialen und persönlichen Erfahrungsraum, in dem Anerkennung, Lernchancen und Freizeitgestaltung zusammenkommen müssen.
Aus gesellschaftlicher Perspektive weisen die Ergebnisse darauf hin, dass ein funktionierender Übergang von der Volksschule in die berufliche Grundbildung nicht allein von individuellen Interessen und Fähigkeiten abhängt, sondern auch von wahrgenommenen Bedingungen des Berufsumfelds und -inhalts. Das sind Erwartungen, die im Rahmen der Schweizer Berufsbildung grundsätzlich erfüllt werden können. Somit hat das duale Schweizer Ausbildungsmodell das Potenzial, für Jugendliche auch in Zukunft attraktiv zu bleiben.
Literatur
- Bajka, S. M., Combet, B., Emmenegger, P., & Seufert, S. (2025). Skill requirements versus workplace characteristics: exploring the drivers of occupational gender segregation. Socio-Economic Review, 23(4), 2065-2086.
- Bonoli, G., & Emmenegger, P. (2022). Collective skill formation in the knowledge economy. Oxford University Press.
- Emmenegger, P., Bajka, S. M., & Ivardi, C. (2023) How coordinated capitalism adapts to the knowledge economy: Different upskilling strategies in Germany and Switzerland. Swiss Political Science Review, 29(4), 355-378.
- Kriesi, I., & Basler, A. (2020). Wie das Bildungssystem berufliche Aspirationen beeinflusst. Panorama, 6, 19-21.
- NZZ (2025). Immer mehr junge Menschen haben psychische Probleme – die potenziellen langfristigen Kosten sind immens.
- OECD (2025). The state of global teenage career preparation. OECD press release, 27 Mai 2025.
- SRF (2025a). Frühe Berufswahl: Der Druck auf Teenager bei der Lehrstellensuche steigt. SRF News.
- SRF (2025b). Psychische Gesundheit Lernende: Die Lehre macht Jugendliche in der Schweiz stolz.
- Tages-Anzeiger (2025). Lehrstellensuche: 38 Bewerbungen und keine Zusage.
- Wilson, A., & Bajka, S. M. (2025). To exit or not to exit? Employers’ considerations in a collective skill formation system. Journal of Vocational Education & Training, 1–19.
Zitiervorschlag
Bajka, S. M. & Emmenegger, P. (2026). Worauf Jugendliche bei ihrer ersten Berufswahl achten. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (3).




