Berufsbildung in Forschung und Praxis
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Dieter Euler

Vom Buch zum Ohr: Der Abschied der Lesekultur?

Unser Alltag wird immer mündlicher. Gedruckte Bücher werden zu Hörbüchern, Zeitungen bieten Vorleseservices für ihre Texte an, die Gebrauchsanleitung geht in Erklärvideos auf. Solche Entwicklungen betreffen auch die Bildung. Aber verschwindet deswegen die Schriftlichkeit, verabschieden wir uns vom Lesen? Zwei Aspekte sprechen dagegen.


Zu den Einstiegsthemen der pädagogischen Psychologie gehört die sogenannte «Behaltenskurve». Gestützt auf viele experimentelle Forschungen besagt sie im Kern, dass nur ein Bruchteil dessen, was wir über das Hören aufnehmen – zumeist werden hier ca. 20 Prozent genannt – auch behalten wird. Visuell aufgenommene Informationen werden etwas besser behalten, aber erst die Kombination von Hören, Sehen, Textbearbeitung und Fühlen führt zu Behaltensraten von über 70 Prozent. Für die Didaktik bedeutet dies, dass ein Vortrag nur dann zu einem Behalten bzw. Wissenserwerb führt, wenn er in Bilder und Grafiken, Textverarbeitung, aktivierendes Tun sowie emotional berührende Geschichten eingebettet wird.

Aus diesem Ensemble der Mehrkanaligkeit in der Erschliessung von Wissen verschwindet zunehmend das Lesen von Texten. Schriftlichkeit wird im Alltag, aber auch im Rahmen von Lernen und Bildung, durch Mündlichkeit ersetzt. Gedruckte Bücher werden zu Hörbüchern, Zeitungen bieten Vorleseservices für ihre Texte an. Die Gebrauchsanleitung geht in Erklärvideos auf, Podcasts laufen dem gedruckten Text den Rang ab. Lehrbücher verändern zwar ihre Formate vom Print- zum Digitalmedium, kommen bislang jedoch zumeist nicht ohne Texte aus. Und wenn die Lernenden in Schule und Bildung die Auseinandersetzung mit Texten nicht mehr vermeiden können, dann bieten ihnen die technischen Hilfsmittel Wege, den Leseaufwand minimal zu halten. Kurzfassungen von Textquellen auf YouTube oder die durch Prompts in Länge und Schwerpunktsetzung steuerbare Zusammenfassung von Texten in ChatGPT oder anderen KI-basierten Chatbots reduzieren den Leseaufwand auf ein Minimum.

Die Erfindung des Buchdrucks vor knapp 600 Jahren revolutionierte den Zugang zu Wissen und Bildung.

Die Erfindung des Buchdrucks vor knapp 600 Jahren revolutionierte den Zugang zu Wissen und Bildung und legte den Grundstein für die moderne Bildungsgesellschaft. Menschen waren nicht mehr auf die mündliche Überlieferung von Erfahrung und Wissen angewiesen, sondern sie konnten sich über den Zugang zu gedruckten Texten selbst Wissen aneignen und sich so von dem Wissensmonopol der Regierenden und des Klerus lösen. Mit der Alphabetisierung und der Produktion erschwinglicher Bücher und Bildungsmaterialien stieg der Bildungsstand aller Bevölkerungsschichten, Bildung war nicht mehr ein Privileg wohlhabender Schichten.

Kehrt sich die Bewegung nunmehr wieder um? Zurück von der schriftlichen Text- zur mündlichen Hörkultur? Noch sind es nur wenige, extreme Stimmen, die das Erlernen von Lesen und Schreiben als Kulturtechnik in Frage stellen. Erste Nahrung erhalten diese Stimmen durch Sprach-Apps, mit deren Hilfe Texte in ein Smartphone gesprochen werden können, diese in eine gewünschte Sprache übersetzen und hörbar in der Sprache eines Zuhörenden wiedergeben.

Das Hören von Texten erscheint auch deshalb attraktiver als das Lesen von Texten, weil es vermeintlich mit einem geringeren kognitiven Aufwand verbunden ist. Texte hören kann man im Gegensatz zum Texte lesen mit anderen Tätigkeiten verbinden – Autofahren, Joggen, Kochen und vieles andere mehr! Ist die Entwicklung vom Hören zum Lesen von Texten daher unaufhaltsam?

Zwei Aspekte mögen dazu beitragen, dass die Erschliessung von Wissen auch zukünftig nicht ohne das Lesen und Verarbeiten von schriftlichen Texten auskommt. Zum einen können sich Texte hinsichtlich ihrer Zugänglichkeit wesentlich voneinander unterscheiden. So ist das Verständnis eines Erzähltextes, in dem den Hörenden in bildhafter Sprache ein Ablauf von Ereignissen geschildert wird, einfacher als das Verständnis eines komplexen Sachtextes mit zahlreichen für den Rezipienten neuen Sachverhalten und Zusammenhängen. Das bedeutet, Textsorte und die Anbindung an bestehende Erfahrungen des Rezipienten haben einen wesentlichen Einfluss auf das Textverständnis bzw. die erfolgreiche Erschliessung des Wissens.

Ein zweiter Aspekt betrifft den Umgang mit dem Text: Der geschriebene Text erlaubt eine bessere Kontrolle über die Geschwindigkeit des Erschliessens. Der Lesende kann Textstellen mehrfach lesen, eine Pause einlegen, innehalten und nachdenken, sich Notizen machen. Dies ist prinzipiell auch für (medial gespeicherte) gesprochene Texte möglich, doch ist dies mit einem so hohen Aufwand verbunden, dass es in aller Regel nicht geschieht. Hier erfährt die Mündlichkeit der Texterschliessung ihre faktische Grenze.

Auch wenn die mündliche Wissenskultur durch die neuen technischen Möglichkeiten gestärkt wird und dabei das Ohr das lesende Auge verdrängt, so erfordert insbesondere die Erschliessung von komplexen und unbekannten Sachverhalten weiterhin den Aufwand des konzentrierten Lesens und der mehrkanaligen Verarbeitung. Die Renaissance der Hörkultur vollzieht sich in grossen Schritten – sie drängt die Lesekultur zwar zurück, aber sie verdrängt sie nicht!

Zitiervorschlag

Euler, D. (2026). Vom Buch zum Ohr: Der Abschied der Lesekultur?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (8).

https://doi.org/10.64829/15689

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