Kolumne Dieter Euler
Uniformität als Irrweg: Was sagen uns Labels wie «Gen Z»?
Uniformierende Labels wie «Gen Z» suggerieren die Einheitlichkeit einer Generation, die es so nicht gibt. Der pädagogische Blick sollte weniger auf das vermeintlich Einheitliche, sondern auf das Individuelle und Spezifische von Lernenden gerichtet werden. Jugendstudien mögen Hinweise geben, als Ratgeber für den Einzelfall sind sie überfordert.
In regelmässigen Abständen berichten die Medien über vermeintliche Besonderheiten der jeweiligen Jugendgeneration. Dabei wird von einer ‚Generationengestalt‘ ausgegangen, das heisst die in einem bestimmten Zeitraum geborenen Menschen werden einer Generation zugeordnet und mit mehr oder weniger einheitlichen Merkmalen beschrieben. So werden die zwischen 1997 und 2012 geborenen als «Gen Z» bezeichnet, die nach 2012 als «Gen Alpha». Je nach Medium sind die der Generation zugeschriebenen Merkmale alarmierend oder sachlich gefasst. Die für die Berufsbildung heute relevante «Gen Z» wird im Hinblick auf ihre Einstellung zur Erwerbsarbeit beispielsweise mit Attributen wie den folgenden gekennzeichnet: Die Quelle für Lebenssinn und Erfüllung wird primär jenseits der Arbeit gesehen, Beruf und Privatleben werden getrennt, Belastungen werden möglichst vermieden, Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber wird nicht per se vorausgesetzt (Faas, 2024).
Das Problem bei der Kennzeichnung von Generationen wie der «Gen Z» besteht darin, dass die Beschreibungen der Vielfalt an Lebensentwürfen und Handlungspraktiken empirisch nicht gerecht werden und zu Stereotypen führen, die das pädagogische Handeln in Schule und Betrieb fehlleitet.
Vereinfachungen können das Verständnis komplexer Zusammenhänge erleichtern. Dabei gilt jedoch: Make it simple, but not simpler! Das Problem bei der Kennzeichnung von Generationen wie der «Gen Z» besteht darin, dass die Beschreibungen der Vielfalt an Lebensentwürfen und Handlungspraktiken empirisch nicht gerecht werden und zu Stereotypen führen, die das pädagogische Handeln in Schule und Betrieb fehlleitet.
Empirische Untersuchungen (Faas, 2024; Bruch et al. 2025) kommen im Hinblick auf die Erwerbsorientierung zu zwei interessanten Befunden: Einerseits zeigen sich für die «Gen Z» gegenüber der vorangehenden «Gen Y» einige wesentliche Gemeinsamkeiten, andererseits belegen die Untersuchungen deutliche Unterschiede innerhalb der «Gen Z».
Wie für frühere Generationen ist auch für die «Gen Z» die Erwerbsarbeit unverändert bedeutsam: Sie bietet eine Zeitstruktur (Beruf – Freizeit, Arbeit – Urlaub), ermöglicht soziale Kontakte, schafft das Potenzial für sinnhafte Aktivitäten, vermittelt Status und Identität. Sie bedient Motive wie Sicherheit, Ein- und Fortkommen, Kompetenzerleben an herausfordernden Aufgaben. Zugleich deuten diese Merkmale auf Unterschiede innerhalb der «Gen Z» hin. Insbesondere im Hinblick auf Bildungsstand und Geschlecht unterscheiden sich die Motive, aber auch die Sinnbezüge von Erwerbsarbeit. So unterscheiden sich beispielsweise Berufsorientierungen und Karrierepräferenzen immer noch geschlechtsspezifisch, die Bedeutung einer sinnhaften und herausfordernden Arbeit hängt von den je nach Bildungsstand unterschiedlichen Optionen an attraktiven Tätigkeiten ab.
In Zeiten von Wertepluralismus, Individualisierung der Lebenswelten und überflutenden Einwirkungen durch digitale Medien verlaufen Sozialisationsprozesse von Jugendlichen komplexer und sind nur schwierig nachvollziehbar.
Uniformierende Labels wie «Gen Z» suggerieren die Einheitlichkeit einer Generation, die es so nicht gibt. Dies gilt zum einen bezogen auf die Abgrenzung gegenüber anderen Generationen, aber auch mit Blick auf die Unterschiede innerhalb der Generation. Der Zugang zum Verständnis einer Generation über eine generationenspezifische Erfahrungswelt, aus denen identische Denk- und Verhaltensmuster abgeleitet wurden, mag seine Berechtigung in Zeiten gehabt haben, als sich markante Entwicklungen wie Kriege oder Wirtschaftskrisen mit relativ homogenen Medieneinflüssen verbanden und so etwas wie eine kollektive öffentliche Prägung bewirkte. In Zeiten von Wertepluralismus, Individualisierung der Lebenswelten und überflutenden Einwirkungen durch digitale Medien verlaufen Sozialisationsprozesse von Jugendlichen komplexer und sind nur schwierig nachvollziehbar. Insbesondere die vielfältigen Einflüsse sozialer Medien prägen die Wahrnehmungen, Haltungen und Informationen junger Menschen beträchtlich, wenn auch in Art und Umfang unterschiedlich. Die durchschnittlichen Nutzungszeiten für soziale Medien, digitale Spiele oder Video-/Musikstreaming erreichen für viele Jugendliche täglich mehrere Stunden (MPFS, 2025). Viele Jugendliche gehen nicht online, sie leben online – und erfahren ungeschützt Hassbotschaften, extreme politische Ansichten, Fake News, Beleidigungen.
Vor diesem Hintergrund sollte der pädagogische Blick weniger auf das vermeintlich Einheitliche, sondern auf das Individuelle und Spezifische von Lernenden gerichtet werden. Jugendstudien mögen Hinweise geben, als Ratgeber für den Einzelfall sind sie überfordert. In Zeiten der Uniformierung, der McDonaldisierung, ist die Suche nach dem Individuellen und Besonderen wichtiger denn je. Dies mag anstrengender sein und zuweilen verunsichern. Gute Lehrende wissen sich jedoch auch hier zu helfen: In Zeiten der Unsicherheit ist für sie die Frage die richtige Antwort.
Die Kolumne von Dieter Euler erschien zuerst in «Folio» des BCH.
Literatur:
Bruch, H., Neu, M. & Egger, M. (2025) St. Galler Jugendstudie 2025. St. Gallen. https://ifpm.unisg.ch/wp-content/uploads/2025/10/HSG_Publikation_Jugendstudie_2025_web.pdf
Faas, T. (2024). Eine Frage des Alters? Erwerbsorientierung und die Gen Z. Berlin: FES.
MPFS – Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2025). Jugend, Information, Medien. https://mpfs.de/app/uploads/2025/11/JIM_2025_PDF_barrierearm.pdf
Zitiervorschlag
Euler, D. (2026). Uniformität als Irrweg: Was sagen uns Labels wie «Gen Z»?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11.
