Themenreihe Berufsbildung der PH Zürich und der Table Ronde berufsbildender Schulen
Die leise Reform
Die KV-Reform war ein Kraftakt mit offenem Schlagabtausch. Die ABU-Reform dagegen kommt erstaunlich geräuschlos daher. Am zweiten Anlass der Themenreihe Berufsbildung zeigten vier Perspektiven von der nationalen Verbandssicht bis ins Schulzimmer, warum das so ist: Die Reform schliesst an eine langjährige Entwicklung an, die Konflikte wurden früh im Prozess aufgenommen, und die schwierigen Fragen sind zwar terminiert, aber noch nicht gelöst. Ob die Ruhe hält, entscheidet sich ab August in der Umsetzung.
Wer die Auseinandersetzungen um die KV-Reform erlebt hat oder sich an die kontroversen Anfänge der ABU-Revision erinnert, etwa an den Streit um die schriftliche Schlussprüfung, hätte am zweiten Anlass der Themenreihe Berufsbildung einen Schlagabtausch erwarten können. Er blieb aus. Vier Beiträge, ein Podium und kaum Widerspruch. Diese Einmütigkeit ist der vielleicht bemerkenswerteste Befund des Abends. Sie lässt sich auf drei Arten verstehen. Als Reife einer Reform, die an eine dreissigjährige Entwicklung anschliesst und so Verwerfungen verhindert. Als Ergebnis eines Prozessdesigns, das Konflikte früh kanalisierte. Oder als Ruhe vor den eigentlichen Bewährungsproben, denn die schwierigen Fragen werden erst später angegangen.
Am 9. Juni 2026 luden die Pädagogische Hochschule Zürich und die Table Ronde berufsbildender Schulen zum zweiten von vier Anlässen der diesjährigen Reihe «Reformen konkret», moderiert von Professor Markus Maurer (PHZH). Im Fokus stand die ABU-Reform, betrachtet entlang der gesamten Umsetzungskette, von der nationalen Verbandssicht über die kantonale Projektleitung bis ins Schulzimmer. Der Zufall liefert die Symbolik: Am Tag des Anlasses genehmigte der Zürcher Bildungsrat den kantonalen ABU-Schullehrplan. Die Planung ist somit abgeschlossen; ab August beginnt die Umsetzung.
Anschluss statt Bruch
Der neue Rahmenlehrplan verankert nun Zukunftskompetenzen und ein Lernverständnis im Sinne des lebenslangen Lernens. Er führt eine lange Entwicklung weiter, statt mit ihr zu brechen.
Cornelia Gerber, Präsidentin des Berufsverbands SVABU, eröffnete mit einem historischen Bogen, der viel zur Erklärung der Einmütigkeit beiträgt. Der allgemeinbildende Unterricht hat seine grosse Wende nicht 2026 vollzogen, sondern bereits 1996: weg von den Fächern Geschäftskunde, Deutsch, Staatskunde und Wirtschaftskunde, hin zu einem themen- und handlungsorientierten Unterricht mit den beiden Lernbereichen Gesellschaft sowie Sprache und Kommunikation. 2006 folgte die Stärkung von Sprache und Kommunikation. Der neue Rahmenlehrplan verankert nun Zukunftskompetenzen und ein Lernverständnis im Sinne des lebenslangen Lernens. Er führt eine lange Entwicklung weiter, statt mit ihr zu brechen. Während andere Reformen den Lehrpersonen eine ganz neue Logik abverlangen, schärft diese eine vertraute. Gerber griff dafür zum Bild vom Haus: Das Faktenwissen bleibt das Fundament, gebaut aber wird in den oberen Stockwerken, wo Wissen angewendet, verknüpft und beurteilt wird.
Hinzu kommt ein Reformversprechen, dem sich nur schwer widersprechen lässt: Chancengerechtigkeit. Gerber beschrieb die bisherige Situation als willkürlich. Je nach Schule erwartete die Lernenden entweder eine sechzigminütige Schlussprüfung mit auswendig gelerntem Fragenkatalog oder eine doppelt so lange, kompetenzorientierte Prüfung. Durch kantonale Schullehrpläne, einheitliche Prüfungsformen und Prüfungsdauern wird aus Beliebigkeit Vielfalt, wie Gerber es formulierte. Wer dagegen antreten wollte, müsste für die alte Ungleichheit argumentieren.
Einen leiseren Ton schlug Gerber bei der Rolle des eigenen Verbands an. In der Revision setzte der SVABU auf das Prinzip Bringschuld: Die Mitglieder sollten ihre Rückmeldungen von sich aus einbringen. Viele taten es nicht. Ob die breite Zustimmung nun Überzeugung ausdrückt oder bloss ausgebliebenen Einspruch, wollte Gerber nicht beurteilen; die Auseinandersetzung mit dem neuen Rahmenlehrplan sei an den Schulen sehr unterschiedlich weit gediehen. Der Verband, dessen Vorstand ehrenamtlich arbeitet und dem im Prozess schlicht die Ressourcen fehlten, zieht daraus seine Lehre: Er wechselt zur Holschuld und will die Meinungsbildung der Mitgliedschaft künftig aktiv anstossen, auch mit Blick auf die neu geschaffene Subkommission ABU der SBBK, in der er vertreten sein wird.
Der Konflikt fand früher statt
Die Konsultation bei allen ABU-Fachschaften des Kantons im vergangenen September löste nach ihren Worten heftige, aber enorm wertvolle Reaktionen aus. Und die Kritik hatte Folgen: Der verbindliche Teil des Schullehrplans wurde deutlich verschlankt.
Dass der Abend so konfliktarm verlief, heisst nicht, dass die Reform ohne Konflikte auskam. Marianne Glutz, die als Projektleiterin im Kanton Zürich rund 35 Berufsfachschulen zu einem einzigen kantonalen Schullehrplan zusammenführte, zeigte, dass die Auseinandersetzung früher im Prozess stattgefunden hatte. Jede Schule entsandte ein Mitglied in die Projektgruppe, eine Kerngruppe trieb die Teilprojekte vom Qualifikationsverfahren bis zur Sprache voran. Die Konsultation bei allen ABU-Fachschaften des Kantons im vergangenen September löste nach ihren Worten heftige, aber enorm wertvolle Reaktionen aus. Und die Kritik hatte Folgen: Der verbindliche Teil des Schullehrplans wurde deutlich verschlankt, die Umsetzungsvarianten verschwanden und dienen den Lehrpersonen nun als Inspiration und nicht als Vorschrift.
Bemerkenswert ist Glutz‘ Umgang mit der Verzögerung. Weil die Freigabe der nationalen Grundlagen lange auf sich warten liess, ergab sich eine ungewöhnlich lange Vorlaufphase, für die sie sich im Nachhinein dankbar zeigte. Die Zeit wurde genutzt, um eine gemeinsame Sprache und ein geteiltes Verständnis der Kompetenzorientierung zu erarbeiten. Was als Planungspanne begann, wurde dadurch zur Gelingensbedingung. Fachlich begleitet wurde das Projekt von der PH Zürich: Daniel Degen brachte in der Steuerungsgruppe die pädagogisch-didaktische Expertise ein, und mit Unterstützung der Hochschule entstanden pädagogische Leitlinien für den kompetenzorientierten Unterricht, die Glutz als wichtige Grundlage für die Umsetzung bezeichnete. Eigene Akzente setzte der Zürcher Schullehrplan trotzdem: Politische Bildung und Partizipation wurden als zusätzliche transversale Kompetenz aufgenommen, ein Legislaturziel der Kantonsregierung. Bei der Künstlichen Intelligenz blieb das Team dagegen bewusst zurückhaltend, der Dynamik des Themas wegen.
Strukturen, die es schon gab, und Zeit, die fehlte
Der Kanton Aargau, vertreten durch Harald Pfiel, Abteilungsleiter Allgemeinbildung an der Berufsschule Aarau und dort Co-Projektleiter, lieferte die zweite Erklärung. Hier musste kaum etwas neu erfunden werden. «Wir mussten keine neuen Gruppen bilden», so Pfiel: Ein kantonaler Schullehrplan ist seit zwanzig Jahren Normalität, und ebenso lange trifft sich die kantonale ABU-Strategiegruppe der Abteilungsleitungen mehrmals jährlich. Drei Erarbeitungsteams mit je einer Lehrperson pro Schule sorgten dafür, dass sich niemand übergangen fühlte. Den Schlüsselmoment sah Pfiel in der Startveranstaltung vom 6. Januar 2026 in Aarau, an der die meisten der eingeladenen ABU-Lehrpersonen teilnahmen: «Alle sind auf derselben Flughöhe.»
Auf dem Podium lieferte Harald Pfiel dann vielleicht den ehrlichsten Satz des Abends: «Es hat geholfen, dass wir nicht so viel Zeit hatten.»
Auf dem Podium lieferte Harald Pfiel dann vielleicht den ehrlichsten Satz des Abends: «Es hat geholfen, dass wir nicht so viel Zeit hatten.» Mit einem Jahr mehr wäre manches besser geworden, vieles aber auch «verdiskutiert» worden. So wurde der Zeitdruck zum Konsensfaktor: Was sich nicht ausdiskutieren lässt, wird entschieden oder vertagt. Und vertagt wurde einiges. Die Schlussprüfung ist im Aargau wie in den meisten Kantonen schriftlich, aber, so Pfiel, «ganz bewusst im Moment». Schon bei der Arbeit an der Nullserie, die im Frühjahr 2027 vorliegen soll, zeigten sich Schwächen des schriftlichen Formats. Was Open Book genau bedeutet, ist noch zu definieren, ebenso die Lehrmittelfrage. Wie viel hier noch offen ist, zeigt Pfiels spontane Reaktion, als er den neuen Lehrplan zum ersten Mal sah: «Wo gibt es diesen Lernenden, der das alles kann?»
Dass die Kantone unterschiedliche Wege gehen, zeigt das Qualifikationsverfahren: Während Zürich auf eine kantonale Prüfung setzt, definiert der Aargau nur den verbindlichen Rahmen, in dem jede Schule ihr Verfahren selbst gestaltet. An seiner eigenen Schule erarbeitete Pfiels dreissigköpfiges Team in Zusammenarbeit mit der PH bereits erste authentische Aufgaben und sammelt Erfahrungen. Und das Aargauer Modell legt eine Anschlussidee für Zürich nahe: Die Projektgruppe, deren Mitglieder sich nun schulübergreifend kennen, sollte als Netzwerk weitergepflegt werden.
Übersetzungsarbeit an der Basis
Nadine Andeer, ABU-Lehrperson an der BFS Winterthur und Mitautorin des Zürcher Schullehrplans, zeigte, wie aus einem Lehrplan Akzeptanz wird. Sie verstand sich als Sparringpartnerin ihres Kollegiums, nahm Ängste auf, trug sie in die Projektgruppe und spiegelte Antworten zurück. In der Vernehmlassung hiess das auch, Kritik auszuhalten und zu sortieren: Was ist national entschieden und kostet nur Energie, wo liegt der eigene Gestaltungsraum? Ihre eleganteste Konfliktlösung war eine sprachliche. Der Zürcher Lehrplan formuliert seine Themen konsequent aus der Sicht der Lernenden, in der Ich-Form. Genau das wurde zum Problem bei Lebensweltthemen, die nicht auf alle zutreffen. Nicht alle Lernenden heiraten, nicht alle lassen sich scheiden. Die Lösung lag im offenen Satz: «Ich setze mich damit auseinander, wie ich in zehn Jahren leben möchte.» Verbindlich bleibt er und lässt doch Spielraum, für die Lehrperson wie für die Lernenden.
Zur Übersetzungsarbeit gehört schliesslich der Spielraum der Schulleitungen. Wo es nötig ist, beginnt die Umsetzung gestaffelt, zunächst nur mit den EBA-Klassen etwa oder erst im zweiten Jahr, ein Ventil gegen Überlastung. Die Stimmung im Kollegium fasste Andeer so zusammen: gefordert, aber nicht überfordert. Die Türen stünden wieder offen, man bereite gemeinsam vor und hinterfrage Bewährtes. Dass eine Reform als Anlass zur Zusammenarbeit erlebt wird, ist vielleicht ihr unscheinbarster Erfolg.
Wo der Konsens bröckelt
Dass der Konsens Grenzen hat, zeigte sich erst in der Plenumsdiskussion. Den deutlichsten Einspruch provozierte die Verbindung von Allgemeinbildung und Berufskunde.
Dass der Konsens Grenzen hat, zeigte sich erst in der Plenumsdiskussion. Den deutlichsten Einspruch provozierte die Verbindung von Allgemeinbildung und Berufskunde. In keinem der vorgestellten Entwicklungsprojekte seien BK-Lehrpersonen vertreten gewesen, und umgekehrt komme die Allgemeinbildung in laufenden Berufsentwicklungsprozessen wie FutureMEM nicht vor, monierte ein Teilnehmer. So drohten die Lehren der KV-Reform verloren zu gehen. Die Antworten des Podiums fielen einhellig aus, und genau das war das Problem: Die Zusammenarbeit sei wichtig, gehöre aber zur Schulkultur und brauche schulinterne Ressourcen, sie lasse sich weder national noch kantonal verordnen. Auf die Nachfrage des Moderators, ob ihn das zufriedenstelle, kam ein klares Nein: Es brauche den überkantonalen, ja nationalen Austausch, nicht nur Schulkultur. Der Punkt blieb unaufgelöst, und er dürfte die Reform in die Umsetzung begleiten.
Eine Bruchstelle betraf die Evidenz. Seit zwanzig Jahren, so eine Wortmeldung aus dem Publikum, werde behauptet, der ABU fördere die Sprache. Untersucht worden sei das nie, und dies bei wachsender Sorge um die Sprachkompetenzen der Lernenden. Das Podium widersprach nicht. Andeer, die das Teilprojekt Sprache geleitet hatte, bestätigte die dünne Forschungslage, auf die sich die Gestaltung der Sprachförderung stützen müsse. Glutz folgerte, man müsse jetzt vordenken, was die vom Bildungsrat nach vier Jahren vorgesehene Evaluation erheben solle. Immerhin stellt der Zürcher Lehrplan die Sprachförderung auf festeren Boden: Er behandelt Sprache und Kommunikation nicht als eigenes Gefäss, sondern verzahnt sie durchgängig mit dem Lernbereich Gesellschaft. Verbindliche Progressionsstufen legen fest, in welchen Schritten eine Fähigkeit wie das Argumentieren aufgebaut wird, und sogenannte Scaffolds liefern dazu die sprachlichen Gerüste.
Eine weitere Bruchstelle rührte schliesslich an die Grundstruktur der Reform selbst: die authentische, lebensweltliche Aufgabe. Zwei Fragen aus dem Publikum legten ihre Grenzen offen. Erstens: Wessen Lebenswelt ist gemeint? Ein erheblicher Teil der Lernenden hat keinen Schweizer Pass, darf also nicht abstimmen und wird quellenbesteuert. Die Quellensteuer kommt aber im Themenkatalog gar nicht erst vor. Und zweitens: Gehen Themen wie die Literatur verloren, die sich nicht unmittelbar in Anwendung überführen lassen?
Die Antworten blieben pragmatisch. Pfiel räumte ein, «die» authentische Aufgabe, die für alle 23 Berufe seiner Schule passe, gebe es nicht. Der Lehrplan eröffne Chancen und lasse zugleich die Freiheit, sie nicht überall einzulösen, nicht in jedem Beruf und nicht in jeder Klasse. Gerber plädierte für den Mut zur Lücke: Wer Platz für Neues schaffen wolle, müsse Vertrautes weglassen. Und Andeer erinnerte an die offenen Formulierungen und den Freiraum von zwanzig Prozent, in dem selbst die Literatur ihren Platz habe. Wer ein Buch lesen wolle, eines über die Scheidung etwa, könne das, «theoretisch». Ganz aufgelöst war der Einwand damit nicht. Die Lebenswelt, an der sich der Unterricht orientieren soll, bleibt vielfältiger als der Katalog, der sie abbilden will.
Souveränität oder Aufschub
Die ABU-Reform ist unbestritten, und das aus guten Gründen. Sie schliesst an eine dreissigjährige Entwicklung an, statt mit ihr zu brechen, sie verspricht mehr Chancengerechtigkeit, und sie wurde in Prozessen erarbeitet, die Beteiligung ernst nahmen: mit Vertretungen jeder Schule, mit Konsultationen, deren Kritik Folgen hatte und mit langen Vorlaufphasen für die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache. Kontroversen hat es gegeben, sie fanden nur früher statt.
Die Einmütigkeit ist jedoch auch der Vertagung von Fragestellungen geschuldet. Die Form der Schlussprüfung gilt «ganz bewusst im Moment», die Nullserie folgt 2027, die Lehrmittelfrage ist offen, die Evaluation kommt erst in vier Jahren.
Die Einmütigkeit ist jedoch auch der Vertagung von Fragestellungen geschuldet. Die Form der Schlussprüfung gilt «ganz bewusst im Moment», die Nullserie folgt 2027, die Lehrmittelfrage ist offen, die Evaluation kommt erst in vier Jahren. Die Verbindung von ABU und Berufskunde wurde an die Schulkultur delegiert, der Wirksamkeitsnachweis der Sprachförderung steht seit zwanzig Jahren aus. Ob die Ruhe dieses Abends Souveränität war oder Aufschub, wird sich deshalb nicht in Projektgruppen entscheiden, sondern ab August im Unterricht. Die Reform hat ihre Planungsphase glänzend bestanden. Ihre Prüfung beginnt jetzt.
Die Präsentationen sind auf der Website der PHZH zugänglich.
Zitiervorschlag
Schneebeli, R. (2026). Die leise Reform. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (9).

