Berufsbildung in Forschung und Praxis
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Dieter Euler

Die Kunst, mit Unbelehrbaren zu kommunizieren

Wir alle kennen die Situation: Ein Gesprächspartner weiss alles besser. Und er ist, obwohl er nachweislich falsch liegt, unbelehrbar. Aber stimmt das wirklich – unbelehrbar? Wie kann man solche Menschen ins Gespräch? Nicht mit Fakten oder Argumenten, wie die Forschung zeigt. Aber mit einer klugen Gesprächstaktik, die auch freundlichem Zuhören und ein verständigungsorientierten Gesprächsführung.


Der Umgang und die Umsetzung einer Fehlerkultur in der Schule ist herausfordernd. Fehler gelten häufig als Schwäche und werden schnell mit dem Rotstift quittiert. Nicht weniger anspruchsvoll ist die Kommunikation mit Menschen, die sich vermeintlich fehlerfrei in kontroversen Themen in einer Meinungs-Festung verschanzt haben. Sie vertreten eine ‚klare Meinung‘, wirken unüberzeugbar und bewegen sich in einer faktenfreien Zone. Wir kennen diese Haltung auf unterschiedlichen Ebenen. Auf der Weltbühne begegnet sie uns nahezu täglich beim Verfolgen der Nachrichten, wenn in unterschiedlichen autokratischen Spielarten nicht mehr die regelbasierte Kompromisssuche, sondern die skrupellose Machtpolitik dominiert. Sie setzt sich auf gesellschaftlicher Ebene fort in populistischen Slogans, «Fake-News» und Halbwahrheiten, wenn es etwa um Themen wie Klimawandel, Migration, Impfen oder aktuelle Kriege geht. Und schliesslich setzen sich diese Haltungen in den Poren des Privatlebens und auch der Schule fest, wenn Gespräche sich im Kreis drehen und bei bestimmten Themen die Fronten unüberwindbar erscheinen.

Man könnte die Haltung der Meinungsfesten als pathologisches Leiden an zu viel Selbstbewusstsein abtun oder mit narzisstischen Krankheitsbildern zu erklären versuchen. Aus pädagogischer Sicht erscheint es jedoch lohnender darüber nachzudenken, wie eine Kommunikation mit Personen gestaltet werden kann, die ein geschlossenes Weltbild vertreten und durch evidenzgestützte Argumente kaum mehr erreichbar erscheinen.

Wie verhalten Sie sich, wenn Sie auf solche Personen treffen? Versuchen Sie sie durch Fakten und Argumente zu überzeugen? Die schlechte Nachricht: Dies funktioniert in der Regel nicht! Die gute Nachricht: Es gibt alternative Vorgehensweisen!

Kognitionspsychologische Theorien liefern viele Belege dafür, dass Menschen ihr Weltbild nicht aus der Abwägung verfügbarer Informationen ableiten und immer wieder auf den Prüfstand stellen. Vielmehr bilden sich solche Ansichten häufig aufgrund emotionaler Eindrücke und Einflüsse. Insbesondere Erwachsene nehmen dann jene Informationen bevorzugt wahr und auf, die das bestehende Bild bestätigen. Argumente, die zur bestehenden Haltung passen, werden als glaubwürdig und überzeugend wahrgenommen, andere werden abgelehnt. Wird dieses Weltbild in Frage gestellt, kommt es schnell zur Verteidigung der eigenen Position oder gar zur Abwertung des Andersdenkenden.

Zwei nützliche Gesprächstechniken

In vier Studien mit mehr als 1800 Personen untersuchte der Berner Erziehungswissenschaftler Raphael Huber, wie Personen mit einer festen Meinung über Klimawandel oder Impfungen auf unterschiedliche Kommunikationsstrategien reagieren. Es bestätigte sich zum einen die Unwirksamkeit eines Vorgehens, bei dem den Meinungen mit korrigierenden Fakten begegnet wird. Demgegenüber waren zwei Strategien erfolgversprechend: «freundliches Zuhören» («friedly conversation») und verständigungsorientierte («understanding-focused») Gesprächsführung. Freundliches Zuhören konzentriert sich darauf, kontroversen Meinungen zunächst nicht durch Gegenargumente oder Fakten zu begegnen, sondern sie aufzunehmen und durch Nachfragen zu vertiefen («Wie bist du zu diesem Schluss gekommen? Warum glaubst du an dieses Argument und nicht an jenes? »). Das «freundliche Zuhören» verbindet sich mit der verständigungsorientierten Gesprächsführung in der Form, dass zu einem günstigen Zeitpunkt auch alternative Sichtweisen eingeführt werden. Der Zeitpunkt ist dann günstig, wenn durch die eigene Offenheit Neugier und Interesse signalisiert und eine wohlwollende Gesprächssituation geschaffen wurde. Dabei wird es als wesentlich gesehen, dass die Freundlichkeit nicht aufgesetzt und das Interesse authentisch wirken. Durch alternative Sichtweisen können beispielsweise Differenzierungen eingeführt und neben dem Trennenden auch Gemeinsamkeiten hervorgehoben werden: Dann sind nicht alle Unternehmer geldgierig, nicht alle Lernenden faul, alle Ausländer kriminell oder alle Nicht-Geimpften erklärte Impfgegner.

Die Studie von Huber liefert noch einen weiteren hoffnungsvollen Befund. Auf lange Sicht können auch bei meinungsfesten Gesprächspartnern neue Argumente ihre Spuren hinterlassen. In seiner Untersuchung wurden die Einstellungen der Befragten nach 60 Tagen erneut abgefragt. Dabei zeigte sich zumindest ein kleinerer Effekt, d.h. die in die Gesprächsformen eingebrachten Argumente wurden aufgenommen und in das eigene Weltbild integriert. Was bleiben soll, braucht Zeit – für Lehrende eigentlich eine banale Erkenntnis!

Die Kolumne erschien zuerst in der Zeitschrift Folio des BCH.

Lesehinweis

Huber, R. E. (2015). Countering division with friendliness: How feeling understood by a friendly AI triggers both openness and resistance. Computers in Human Behavior, 176, Article 108870.

Zitiervorschlag

Euler, D. (2026). Die Kunst, mit Unbelehrbaren zu kommunizieren. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 11 (4).

https://doi.org/10.64829/15051

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