Berufsbildung in Forschung und Praxis
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«Berufsbildung 2040 – Perspektiven und Visionen»: Eine gesellschaftspolitische Sicht

Weshalb das unterschiedliche Interesse an der Berufsbildung?

Der Rückgang des Anteils an Jugendlichen, die eine berufliche Grundbildung wählen, wird häufig als Problem wahrgenommen. Um es aber wirklich zu verstehen, sind ein nüchterner Blick auf die Gründe des Schwundes nötig und eine sachliche Darstellung der davon tangierten Interessen, wie es der vorliegende Beitrag versucht. Er macht auch Vorschläge zur Stärkung der Berufslehre. Man sollte sie, so die These, besser als bisher mit den Stärken des allgemeinbildenden und schulischen Weges verbinden.


Der Anteil der unter 20-jährigen Schülerinnen und Schüler, die im ersten Ausbildungsjahr eine berufliche Grundbildung besuchen, ist in den letzten drei Jahrzehnten gesunken. Waren es im Jahre 1990 noch knapp 77%, lag der Anteil im Jahre 2022 bei 65%.[1] Diese Verschiebung der Ausbildungswahl in Richtung Allgemeinbildung, im Gymnasium von 20% auf 28%, in der Fachmittelschule von 4% auf 7%, wird insbesondere von Akteuren in der Deutschschweiz, die der dualen Berufsbildung nahestehen, als Bedrohung wahrgenommen, und es wird nach «Schuldigen» gesucht. Verantwortlich gemacht werden eine zu geringe Selektion ins Gymnasium in gewissen Kantonen (Fischer, 2023), ein zu starker Ausbau der Fachmittelschule (Fleischmann, 2023)[2], ausländische sowie Akademikereltern, die unser Berufsbildungssystem und seine Durchlässigkeit zu den Hochschulen zu wenig kennen (Wolter, 2012), Lehrpersonen ohne biografische Erfahrungen in der Berufsbildung (Nägele & Schneitter, 2016) sowie innerhalb der Berufsbildung die Konkurrenz durch vollzeitschulische berufliche Grundbildungen (Esposito, 2024).

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Es stellen sich dazu drei Fragen:

  1. Welche institutionellen und gesellschaftlichen Bedingungen könnten diese Verschiebung in der Ausbildungswahl von Jugendlichen und ihren Familien – weg von der Berufslehre, hin zu allgemeinbildenden und schulischen Wegen – verständlich machen?
  2. Welche Interessen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft liegen der Problematisierung dieser Verschiebung der Ausbildungwahl zugrunde?
  3. An welchen Stellschrauben könnte gedreht werden, um die Attraktivität und Wertigkeit der Berufsbildung für Jugendliche und ihre Familien zu sichern?

1. Weshalb sinkt das Interesse an der Berufslehre?

Zur Frage, weshalb sich Schülerinnen, Schüler und deren Eltern verstärkt für allgemeinbildende und schulische Wege und gegen eine Berufslehre entscheiden, betrachten wir nachfolgend etwas genauer institutionelle und gesellschaftliche Bedingungen.

Studien belegen, dass akademisch gebildete Eltern für ihre Kinder aus Gründen des Erhalts des sozialen Status wiederum eine Hochschulbildung aspirieren.

Ein zentraler institutioneller Faktor ist die Bildungsexpansion, die durch den Ausbau der Gymnasien und der Hochschullandschaft einer wachsenden Bevölkerungsgruppe den Zugang zu einer akademischen, neuhumanstisch geprägten und damit stärker zweckfrei ausgerichteten Bildung eröffnete. So stieg in den letzten drei Jahrzehnten der Anteil an Hochschulbildung – Universität, Pädagogische Hochschule und Fachhochschule – bei der 25-64-jährigen ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz von 10% auf 30%[3]. Studien belegen, dass akademisch gebildete Eltern für ihre Kinder aus Gründen des Erhalts des sozialen Status wiederum eine Hochschulbildung aspirieren und über die notwendigen Ressourcen verfügen, dies zu erreichen. Das Interesse am gymnasialen Weg ist deshalb gewachsen.

Weshalb aber gelingt es der Berufsbildung nur bedingt, mit dem Angebot der Berufsmaturität und dem Weg an die Fachhochschulen für diese familiären Bestrebungen genügend attraktiv zu sein? Die Gründe sind wohl vielfältig. Aus entwicklungspsychologischen und sozialisatorischen Gründen ist der biografisch frühe Zeitpunkt von 14-15 Jahren, wenn Jugendliche mit der Berufswahl eine für ihr Leben gewichtige Entscheidung treffen müssen, ein Knackpunkt. Sofern es die schulischen Leistungen erlauben, ist die Wahl des allgemeinbildenden Weges eine Möglichkeit, diesen Entscheid um einige Jahre hinauszuschieben.

Im Weiteren ist die Berufsmaturität kein gesicherter Bestandteil der beruflichen Grundbildung, weshalb dieser Weg für Familien mit Aspirationen auf eine Hochschulausbildung weniger attraktiv sein könnte. Viele Berufsausbildungen bieten kaum Chancen für eine BM (Meyer, 2016). Gewisse Betriebe sind nicht bereit, eine integrierte BM1 zu ermöglichen. Für Lernende der BM1 ist die zeitliche Belastung sehr hoch, was zu Abbrüchen der BM führt. Bei der BM2 besteht das Risiko, dass Jugendliche diese nach dem EFZ nicht in Angriff nehmen: Das EFZ ist berufsqualifizierend, die Lernenden werden schon während der Ausbildung entlöhnt und haben nach Abschluss der Ausbildung Aussicht auf noch mehr Verdienst (Leemann, Esposito, Pfeifer Brändli, & Imdorf, 2019). Die BM2 bedeutet dagegen finanziellen Verzicht und Aufschub von Wünschen.

Ein weiterer Grund, dass sich Jugendliche und deren Eltern gegen den berufsbildenden Weg entscheiden, könnte beim Ausbildungskonzept der beruflichen Grundbildung liegen, das auch mit BM eng auf die Berufspraxis und handlungsorientiert ausgerichtet ist und weniger gut auf ein Hochschulstudium vorbereitet. Im Vergleich zum Gymnasium und der Fachmittelschule wird viel weniger abstraktes, theoretisch-systematisches Wissen vermittelt, das an Fachhochschulen und für die Passerellenprüfung an die Universitäten gefordert wird (Esposito, 2022), und zwischen den Lehrberufen gibt es grosse Unterschiede im Umfang an schulischem Unterricht und vermitteltem Allgemeinwissen (Kriesi & Grønning, 2021; Meyer & Sacchi, 2021). Solange Erfahrungs- und Handlungswissen gesellschaftlich eine geringere Wertigkeit besitzt als akademisches Wissen (Dietzen, 2015), wird die Höhere Berufsbildung für diese Bevölkerungsgruppen keine Alternative für eine Tertiärbildung. Eine aktuelle empirische Studie zum Ansehen von Bildungsabschlüssen in Kantonen der Deutschschweiz untermauert diese These: Personen mit akademischer Ausbildung bringen der Berufsbildung eine signifikant geringere Wertschätzung entgegen als Personen mit einer grundständigen oder höheren Berufsausbildung (Becker, 2025a).

Zu erwähnen ist nicht zuletzt der Umstand, dass viele Kantone einen Teil der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler nach der Primarschule in einen Bildungsgang selektionieren, der nicht mehr in die Berufsbildung führt.

Nicht zuletzt können wir vermuten, dass Eltern von Kindern mit sogenannten Migrationsmerkmalen, sei dies die Hautfarbe, der Familienname oder die Nationalität, einen schulischen Weg präferieren, da dieser im Vergleich zur Lehrstellensuche weniger dem Risiko von diskriminierenden Rekrutierungspraktiken ausgesetzt ist (Imdorf, 2014). Die Forschung zeigt im Weiteren, dass Mädchen dank der Gleichstellungsbemühungen der letzten Jahrzehnte in der Regel zwar einen nachobligatorischen Abschluss erreichen, aus sozialisatorischen Gründen jedoch den schulisch-allgemeinbildenden Weg präferieren (Leemann, Imdorf, Fischer, Esposito, & Hafner, 2019). Zu erwähnen ist nicht zuletzt der Umstand, dass viele Kantone einen Teil der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler nach der Primarschule in einen Bildungsgang selektionieren, der nicht mehr in die Berufsbildung führt. Dazu gehören die Langzeitgymnasien, aber auch Leistungszüge der Sekundarschule, die ausschliesslich auf den Übertritt ans Kurzzeitgymnasium ausgerichtet sind.

2. Interessen der Akteure an einer hohen Berufsbildungsquote

Weshalb stellt diese Verschiebung in der Ausbildungswahl für viele Akteure ein Problem dar? Immerhin sind es zwei Drittel der Jugendlichen, die eine berufliche Grundbildung – zumeist in der dualen Form – beginnen. Im internationalen Vergleich ist dies einmalig. Zudem ist es doch vor allem wichtig, dass das von Bund und Kantonen formulierte Ziel, wonach 95% aller 25-Jährigen über einen Abschluss auf der Sekundarstufe II verfügen, zukünftig für alle Bevölkerungsgruppen erreicht wird.

Es ist erstens davon auszugehen, dass ökonomische Überlegungen der Kantone eine wichtige Rolle spielen. Schulische Bildung ist für die Kantone teurer als die duale Berufsbildung.

Es gibt keine systematischen Analysen der bildungspolitischen Interessen an einer hohen Quote der dualen Berufsbildung beziehungsweise der möglichen negativen Folgen, wenn diese unter einen gewissen Schwellenwert sinkt. Dennoch können wir einige Hypothesen formulieren. Es ist erstens davon auszugehen, dass ökonomische Überlegungen der Kantone eine wichtige Rolle spielen. Schulische Bildung ist für die Kantone teurer als die duale Berufsbildung, die auch durch den Bund und die Lernenden mitgetragen wird (Esposito, 2022, 2024). Ebenso haben die beteiligten Lehrbetriebe wirtschaftliche Interessen, da sie im Durchschnitt einen finanziellen Nettonutzen aus der Ausbildungstätigkeit erzielen (Gehret & Schweri, 2019). Im Weiteren ermöglicht die Berufslehre die Ausbildung von Fachkräften, die mit den betrieblichen Prozessen, Produkten und Kulturen vertraut sind.

Ein zweiter Punkt betrifft die Erhaltung der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe und damit bildungspolitische Interessen an der Funktionsfähigkeit des Berufsbildungssystems. Insbesondere Betriebe mit einem höheren Anforderungsprofil bei den Lehrberufen erleben die allgemeinbildenden Schulen als Konkurrenz (SKBF, 2023, 116). Die Befürchtung ist, dass die Ausbildungsbereitschaft dieser Betriebe sinkt, wenn sich immer mehr leistungsstarke Schülerinnen und Schüler für eine schulische Ausbildung entscheiden und hauptsächlich schulleistungsschwächere Jugendliche eine Berufslehre absolvieren (Fleischmann, 2023).

Drittens können Interessen des gesellschaftlichen Zusammenhalts bedeutsam sein. Die Berufsbildung ist bei einem grossen Teil der Bevölkerung insbesondere in den Deutschschweizer Kantonen als bewährte Bildungsinstitution verankert (Cattaneo & Wolter, 2016). Die Überzeugung herrscht vor, dass die beruflich-betriebliche Praxis die eigentliche «Lebensschule» ist, im Gegensatz zur Schule, in der man «nur aus dem Lehrbuch» lernt. Das Atmen von «Werkstattluft» wird im Gegensatz zur «Schulstubenluft» als eine unerlässliche Voraussetzung für die künftige Ausübung einer betrieblichen Leitungsfunktion beurteilt (Esposito, 2022; Leemann, Esposito, & Imdorf, 2021). Auch wenn empirische Studien belegen, dass mittel- und langfristig allgemeinbildende Mittelschulabschlüsse mindestens ebenbürtige Arbeitsmarktchancen wie die Berufsbildung bieten (Korber & Oesch, 2019), argumentieren Akteure der Wirtschaft, der Bildungspolitik und der Wissenschaft, dass die Berufsbildung die Jugendlichen im Vergleich zur schulischen Ausbildung besser in den Arbeitsmarkt integriere (Bolli, Oswald-Egg, & Rageth, 2017; Strahm, 2014). Eine Erosion der Berufsbildung und die damit einhergehenden, sich verändernden gesellschaftlichen Werte und Standards bedrohen diese gesellschaftlich verankerten Überzeugungen und untergraben bisherige Sicherheiten und Legitimitäten.

Viertens spielen wohl auch machtbezogene Interessen eine Rolle. Sozialwissenschaftliche Studien zeigen, dass die soziale Ungleichheit von Bildungschancen in der Schweiz im internationalen Vergleich ausgeprägt ist (Becker, 2025) und dass sich die gesellschaftliche Elite in Wissenschaft, Verwaltung, Wirtschaft und teilweise auch Politik über das Gymnasium und den akademischen Weg reproduziert (Bühlmann, Beetschen, Ginalski, & Mach, 2015), der Mittelstand über die Berufsbildung (Falcon, 2020). Organisationen der Arbeitwelt als zentrale Vertreter der Betriebe haben ein grosses Interesse am Fortbestand der Berufsbildung, u.a. weil sie direkten Einfluss auf die Qualifikation und Sozialisation der zukünftigen Arbeitskräfte haben (Baethge, 2006). Die akademische Oberschicht wie die dem Berufsbildungssystem nahestehende Mittelschicht sind deshalb wenig daran interessiert, dass sich die bisherigen Relationen von Berufsbildung und Allgemeinbildung ändern.

3. Wo könnte die Bildungspolitik ansetzen?

Bei der Problematisierung einer «Erosion der Berufsbildung» muss transparent und evidenzbasiert dargelegt werden, weshalb und für wen dies ein Problem darstellt.

Die Berufsbildung müsste ihre Forschungsbemühungen bei diesen Forschungsdesiderata ansetzen, indem sie sich auch gesellschaftlich und institutionell sensibler Themen wie der politischen Machtverhältnisse, wirtschaftlichen Interessen, schichtspezifischen Aspirationen und Bildungsstrukturen annimmt. Bei der Problematisierung einer «Erosion der Berufsbildung» (Fleischmann, 2023) muss transparent und evidenzbasiert dargelegt werden, weshalb und für wen dies ein Problem darstellt. Das System der Berufsbildung gewinnt erst dann an Stärke, wenn es sich auch den kritischen Aspekten dieser Ausbildungsform zuwendet, wie es diese Diskussionsreihe in Transfer und die seit 2023 an der EHB stattfindenden VET-Winterworkshops tun.

Die Berufslehre hat erwiesenermassen ihre Stärken. Wenn es ihr gelingt, diese noch besser als bisher mit den Stärken des allgemeinbildenden und schulischen Weges zu verbinden, wird sie für schulleistungsstarke Schülerinnen und Schüler aus einem akademisch geprägten Milieu ebenso attraktiv wie das Gymnasium. Im Sinne von «Utopien für die Berufsbildung der Zukunft» (Bonoli & Ruoss, 2024) können folgende Ansatzpunkte eine Orientierung sein:

  • Die BM1 ist prinzipiell als Option für die Lernenden in alle dualen beruflichen Grundbildungen integriert. Ausbildungsbetriebe sind verpflichtet, die BM zu ermöglichen und zu unterstützen.
  • Vollzeitschulische Ausbildungen wie die WMS und IMS werden als alternative berufsbildende Wege und nicht als Konkurrenz zur dualen Ausbildung betrachtet; ihr Angebot wird ausgebaut, weitere Berufsfelder werden einbezogen.
  • Die BM2 wird mittels grosszügiger Stipendien gefördert.
  • Alle Lehrberufe umfassen denselben Anteil an schulischem Unterricht und vermitteltem Allgemeinwissen. Die BM richtet sich zur Vorbereitung auf die Hochschulen auch an neuhumanistischen Konzepten von Bildung aus (z.B. Literatur, Geschichte).
  • Berufslehren in KMU werden durch Verbundssysteme attraktiver gemacht, indem Lernende während der Ausbildung verschiedene Betriebe kennen lernen.
  • Es werden Projekte unterstützt, die das Potenzial arbeitsintegrierter Formen der Bildung für die Kompetenzentwicklung aufzeigen; diese verbinden theoretisch-systematisches Wissen mit Handlungs- und Erfahrungswissen.
  • Der Übergang nach dem EFZ mit BM zur Universität/ETH wird institutionell mit bezahlten Vorbereitungskursen für die Passerellenprüfung gefördert.
  • Fachhochschulen werden den Universitäten gleichgestellt, indem die Masterstudiengänge ausgebaut werden und das Promotionsrecht eingeführt wird.
[1] Bundesamt für Statistik
[2] Der Ausbau der FMS ist jedoch vor allem dem Fachmaturitätsprofil Pädagogik geschuldet, das die bisherigen seminaristischen Wege in die Ausbildung von Primarlehrpersonen ersetzt (Hafner, 2022).
[3] Bundesamt für Statistik

Literatur

Zitiervorschlag

Leemann, R. J. (2025). Weshalb das unterschiedliche Interesse an der Berufsbildung?. Transfer. Berufsbildung in Forschung und Praxis 10(3).

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